Konkurrenzbeobachtung: zerkratzte Vintage-Spiegel

Angeblich soll Karl Lagerfeld einmal gesagt haben: Vintage geht immer.
Sozusagen, wenn dir sonst gar nichts mehr einfällt, du aber irgendwie creativ sein wollenmusst, dann machst du irgendwas, was du von irgendwo ausgegraben hast, veränderst es gerade so viel, wie für Produktionsverfahren oder Technik nötig ist und klebst das Schild „Vintage“ drauf.

Was soll man sagen? Selbst wenn das Zitat falsch zugeschrieben ist, es stimmt!

Nehmen wir mal besagten Artikel des Spiegel Blog-Kollegen über den Laden und die Räder von Alex Singer. Da trieft die Romantik des Vintage geradezu aus jeder Zeile und aus jedem Pixel der Fotos. Und auch das wird funktionieren, denn früher waren die Räder schöner, leichter, haltbarer. Steht da zumindest so drin.

Nun, der Autor dieses Blogs hier hat schon die eine oder andere Erfahrung mit Rädern unterschiedlichen Alters sammeln dürfen und möchte aus diesem Grund ein wenig Dekonstruktion betreiben.
Rekurrierend auf das erwähnte Rad aus dem Jahr 1946 mit dem sagenhaften Gewicht unter 7 kg sollte man vielleicht ein paar Dinge zurechtrücken: Ein derartiges Rad war für sicherlich 90% der europäischen Bevölkerung damals absolut unerschwinglich (der sog. „Hungerwinter“ 1945/1946 war gerade überstanden). Zudem sind in den Jahren von 1946 bis 2017 ein paar Dinge entstanden, die man natürlich als überflüssigen und hässlichen Schnickschnack abtun kann, welche gerade längere Radtouren deutlich angenehmer haben werden lassen, als Stichworte seien hier LED-Beleuchtung, Nabendynamo und fein abgestufte Schaltungen exemplarisch genannt und nicht zuletzt waren Schaltungen damals ein wenig anders als heute. Die uns heute geläufige Kettenschaltung per Parallelogram-Gelenkkonstruktion mit Rollen zur Kettenumlenkung kam unter dem Produktnamen „GranSport“ erst 1950 auf den Markt. Hersteller war Campagnolo. Zum Gewicht selbst nur diese Anmerkung, dass die aktuellen Räder im Prgramm bei Alex Singer alle deutlich über 7 kg wiegen und dass es natürlich ein zwingendes Verhältnis gibt zwischen Rahmengröße und Komplettgewicht. Die Modelle in „Vollausstattung“ für Radreisen mit mehreren Taschen wiegen gerade einmal 2 kg weniger als mein Reiserad, was sich wohl noch egalisieren kann, wenn das Gewicht (wie meist üblich) bei der kleinsten Rahmengrösse angegeben wurde und natürlich ohne Pedale.

Zitat: „Hier hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert“ – merken Sie was, liebeR LeserIn? Ja, da spürt man den seidenweichen Mantel der Geschichte! Ja und im Dunkel der Erinnerungen an das tolle „Früher!“ übersieht man leicht die großen Löcher, die dieser Mantel schon lange hat. Die Firma Campagnolo wäre an ihrem Willen nichts zu ändern was sie für gut genug hält beinahe pleite gegangen…

Noch ein Zitat: „Das Besondere an unseren Rädern ist, dass sie bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt sind“ – wer auf Köpermaße individuell gefertigte Rahmen und Räder produziert und diesen Satz nicht unterschreiben täte, der würde ja glattweg sagen, dass er da kompletten Unsinn macht! Das ist so banal, dass man froh ist, das wenigstens noch auf die wirklich etwas ausgefallene Lackierung im Text verwiesen wird. (wobei ähnliches früher auch bei Utopia zu bekommen war…) Fast vorsätzlich irreführend wird es dann, wenn der Autor darauf verweist, dass viele ihre Singer-Räder für den Radmarathon Paris-Brest-Paris anfertigen lassen. Das dazu gehörige Rad wird dann geschickt in einer Fotostrecke „versteckt“. Das muss man so nennen, da sowohl im Text als auch in den ersten Bildern der Fotostrecke durchweg Räder gezeigt werden, wie sie irgendwo zwischen den 70ern und 80ern gefahren wurden (auch wenn sie neu sein mögen). Damit fährt man aber kein 1200 km-Jedermannfraurennen. Das Rad dafür ist so wie viele andere heutige Räder mit Rennlenker auch. Lediglich die Bremsen und die Rahmenschalthebel fallen ein wenig aus dem Rahmen.

Natürlich hat Handarbeit seinen Preis (den kenne ich nur zu genau von meinen Velos, auch keine Billigheimer), aber von einem Journalistenprofi täte ich schon erwarten, dass er den Unterschied kennt zwischen „nacktem“ Produktwert und dem Wert des Distinktionsgewinn, den der zukünftige Besitzer zu bezahlen bereit ist. Nicht vergessen wollen wir den gut versteckten Satz, dass diese Räder im Nebenberuf entstehen – es gibt einfach zu wenig Käufer als das man davon leben könnte. Das ist die Realität! Die Rahmenbauer, die von ihrem Job wirklich leben, sind ein paar Hand voll, der  Rest muss sehen wo die Butter auf dem Brot bleibt. Angesichts dessen ist das nachfolgende Zitat schon fast pervers:

„Es gibt Sammler aus Japan, wo Design traditionell einen hohen Stellenwert genießt, die kaufen sich ein Singer-Fahrrad mit Originalbauteilen – um es zu bewundern, nicht, um es zu fahren. Ich kann das verstehen.“

Nein, das ist Lobhudelei, Jubelpersertum, aber weder wird das den Velos gerecht, noch macht es Spaß, so etwas zu lesen, oder mal den Laden anzusehen. Der von ihm erwähnte Jan Heine ist da deutlich anders in Form und Sprache. Man darf loben, schwärmen, Moden nachrennen, natürlich, genauso wie man seine Materialbegeisterung, ja Fetischismus ausleben darf (hier sind wir keine große Ausnahme). Wenn man aber als Profi von einem Verlag gut gepolstert ist, dann darf man schon ein wenig mehr Gehalt von einem Text verlangen. Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, wir seien mißgelaunt und mögen keine lobenden Artikel, dem ist nicht so, wie man das mit viel Liebe und wenig Geld auf sehr hohem Niveau macht, kann der Spiegel-Kollege einmal hier nachlesen: stahlrahmen-bikes.de

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