Nihilismus

Sie müssen für diesen Artikel kein Philosoph sein. Schlechte Laune genügt. Da schreibst sich dieser Text von selbst. Letzte Warnung an alle Zartbesaiteten: Lesen Sie diesen Text auf keinen Fall, wenn sie auf intellektuelle Armut mit Brechreiz reagieren!

Warum? Die „Erklärung 2018“ reiht sich ein in die Abfolge von Unappetilichkeiten, die sich alle am Jahr 2015 und der sog. „Flüchtlingskrise“ (ein ganz seltsamer Ausdruck über Menschen in existenziellen Krisen, die anderswo angeblich eine Krise auslösen) aufhängen und bei deren Protagonisten man sich bisweilen schon fragt, ob sie jemals die Artikel des Grundgesetzes gelesen und verstanden haben. Damit niemand sagen kann, wir reden von Dingen die da nicht stehen, der Wortlaut (bemerkenswert kurz):

„Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“

 

Klingt wuchtig. Mindestens wie „Kathargo muss zerstört werden“. Das Copyright hierauf ist aber leider schon vergeben, Cato der Ältere ist gut 2000 Jahre tot. Aber: De mortuis nihil nisi bene.
Was wollen die also? Eine gute Frage, wir versuchen eine Ergründung. Fangen wir mal klein an,

GG §§3, Absatz 1: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

GG §§4, Absatz 2: Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

GG §§19, Absatz 2: In keinem Fall darf ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden.

Zu kleinlich, zu abstrakt? Also gut, so ungefähr 1 Million Menschen sind aus Ländern ausserhalb Europas seit 2015 nach Deutschland eingewandert. Natürlich illegal, denn hat mal jemand versucht Länder wie Syrien, Eritrea, Nordkorea oder die Westsahara, legal und korrekt zu verlassen, am besten mit einem genehmigten Asylantrag in der Tasche? Achso, die Autoren wollen uns sagen, darüber sollen sich mal lieber „die Italiener“, „die Griechen“ und „die Spanier“ den Kopf zerbrechen? Landläufig wird das Prinzip der Antragsstellung auf Asyl im ersten EU-Ankunftsland auch „Dublin II“ genannt. Nun, das darf man gerne (ein)fordern, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass spätestens nach der Anerkennung, diese Leute komplette Freizügigkeit innerhalb der Union genießen (müssen). Was also wird an Deutschland beschädigt? Und von wem? Die sog. „Rechtstaatliche Ordnung“ von der fabuliert wird ist eine schon gedankliche Totgeburt. Denn es gilt: Freizügigkeit von Waren und Dienstleistungen und Freizügigkeit der Person innerhalb der gesamten EU. Letzteres wird auch gerne mit „Schengen“ bezeichnet und sorgte für den nahezu kompletten Wegfall von Grenzkontrollen bei Personen (bei Waren wird noch aus anderen Gründen in Stichproben kontrolliert). Wer das alles wieder einkassieren will, muss mehr als einen EU-Vertrag annullieren und quasi eine Zeitreise in die Zeit vor 1995 vornehmen. Viel Erfolg!

Das ist reinster Nihilismus und obendrein ausgestellt im Schaufenter!

 

Die Genfer Konvention über die Rechtsstellung von Flüchtlingen, besagt u.a. dieses:

Artikel 3

Verbot unterschiedlicher Behandlung

Die vertragschließenden Staaten werden die bestimmungen dieses Abkommens auf Flüchtlinge ohne unterschiedliche Behandlung aus Gründen der Rasse, der Religion oder des Herkunftslandes anwenden.

Artikel 4

Religion

Die vertragschließenden Staaten werden den in ihrem Gebiet befindlichen Flüchtlingen in Bezug auf die Freiheit der Religionsausübung und die Freiheit des Religionsunterrichts ihrer Kinder eine mindestens ebenso günstige Behandlung wie ihren eigenen Staatsangehörigen gewähren.

Der Vertrag ist für die Bundesrepublik seit 1954 in Kraft, sie ist daran rechtlich gebunden. Aufheben? Kündigen? Wegschmeißen? Wer das mit dem Erklärungstext suggerieren will, weil die „heutige Zeit“ ja so ganz anders sei als früher (als alles besser war, bekanntlich), den dürfte man ohne viel Federlesens einen Verfassungsfeind nennen. Sagen Sie nicht, das sei „nur ein Fetzen Papier“, damit haben schon andere Kanzler ganz schlechte Erfahrungen gemacht.

Meinen die vielleicht etwas anderes? Immerhin sind ja die meisten dieser Menschen muslimischer Religion, sofern Religion für ihr Leben überhaupt eine Rolle spielt. Vom 8 Jhd. bis zum späten 15 Jhd. war der größte Teil der spanischen Halbinsel unter muslimischer Herrschaft. Vom 15. bis 17. Jhd. breitete sich das osmanische Reich bis kurz vor Wien aus. Wer auch immer behaupten will, Einwanderer mit islamischer Religion oder kultureller Prägung seien eine Erscheinung der schlechten Gegenwart gegenüber der grandiosen Vergangenheit im westlichen Europa, der möge bitte jetzt und sofort seinen Kaffee wegstellen. Der kam nämlich von dort, aus dem Orient. Anders ausgedrückt: Da wird ein Jahrtausend (!!!) Menschheitsgeschichte in Europa einfach negiert. Wer wirklich ein „ursprüngliches Deutschland“ will, der muss wohl oder übel so leben wie zu Zeiten bevor die Römer den Rhein hinauf kamen. Speziell die sumpfigen Wälder sollen sehr ungemütlich gewesen sein. Mal abgesehen davon, dass wer von „jüdisch-christlicher“ Tradition in Europa spricht, noch eine ganze Menge zu erzählen hätte, beginnend mit den antisemitischen Progromen im alten Rom über die Massenmorde der spanischen „Reconquista“ und noch lange nicht endend mit dem Holocaust.

Bleiben wir mal bei den Zahlen. Wenn die UN eine seriöse Quelle ist, dann sind derzeit um die 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Angekommen ist also gerade einmal gut 1/50 davon. Eine „Beschädigung“ darin zu erkennen beweist zumindest viel Phantasie. Zum Vergleich: Das heutige Schleswig-Holstein hat allein von 1945 bis 1946 mehr als 1 Million Flüchtlinge aufgenommen! (Was die mit den heutigen Flüchtlingen gemeinsam haben? Willkommen waren die auch nicht, fragen sie mal den Bundespräsidenten a.d. Horst Köhler)

Die Erhebung Kölns zur Stadt war an den Maßstäben dieser Erklärung auch eine Tat illegaler Masseneinwanderer, der römischen Legion. Und wer will, darf gerne darüber nachdenken, ob die Stadt Aachen nun „ursprünglich“ den Kelten, den Römern oder den Franken zugeschlagen werden sollte. Deutsch wurde dort erst sehr viel später gesprochen.

Wer also Deutschland beschädigt sieht, bitte sehr. Er oder sie entbößt damit nur ein gravierendes Nicht-Wissen-Wollen darüber, dass es schon seit sehr langer Zeit Ein- und Auswanderung gibt und gab (für die Bibelfesten: siehe Babylon) und das allein daran noch kein Staat zugrunde gegangen ist. An den sorglos weggeworfenen Artikeln der eigenen Verfassung oder der eingegangenen Verträge hingegen schon!

„Iliacos muros peccatur intra et extra.“ So schreibt es Ernst Jünger in den „Stahlgewittern“, und weiter: „(Pro captu lectoris) habent sua fata libelli.“ Genau das scheint das Problem der „Erklärer“ zu sein. Sie können weder „innen“ und „außen“ sauber unterscheiden, noch scheint ihre Auffasungsgabe der Schriften zur Menschheitsgeschichte große genug, um nicht irgendeinen Unsinn daher zu reden. So mancher mag in Ernst Jünger sogar ein großes Vorbild sehen, allein: Der gute alte Mann wäre ohne den WK I. wohl eher nicht Offizier geworden und seine Werke sind letztlich um einiges gehaltvoller, als das Geschreibsel seiner Möchtegernnachahmer. Viele von deren Büchern haben nämlich überhaupt keine Schicksale. Jünger dagegen tötete als Soldat und erwartete nichts anderes von den Soldaten der anderen Seite, gleich welcher Sprache, Nationalität und Religion.

Ein kleines, interessantes Detail zum Schluß, ein Zitat von der besagten Website:

„Wir bitten alle Unterzeichnungswilligen außerhalb der genannten Berufsstände um Verständnis dafür, dass wir den Personenkreis einschränken müssen.“

Achja, im Impressum fungiert Vera Lengsfeld als verantwortlich. Seit ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag scheint sie sich zu langweilen und damit sie sich jetzt ganz dolle mit Bedeutung aufpumpen kann, dürfen also nur Leute von „Intelligenz, Vermögen und Stand“ diese Erklärung unterzeichnen. Mit dem Pöbel will man also nichts zu tun haben, mag er noch so ähnlich denken wie man selber. Das nenne ich mal Dünkel, da könnte sich selbst Kaiser Wilhelm II. noch eine dicke Scheibe von abschneiden, Antisemit war er ja schon zu Genüge! So unterschreiben dort also eine ganz lange Liste von Professoren, Doktoren, Anwälten usw. All jene also, die sich „für etwas besseres“ halten, sich gerne „Bürger“ titulieren und die uns einreden wollen, jeder Flüchtling nimmt einem Deutschen persönlich die Butter vom Brot weg! Illustriert wird diese Erklärung von einem sog. „Frauenmarsch“, bei dem zuallererst Männer von Pegida, AfD & Co. über Frauenrechte sprachen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

In einem anderen Kontext hat Hannah Arendt einmal folgendes beschrieben, 1964 im Interview „Zur Person“ mit Günter Gaus (es geht um die Machtübernahme 1933 durch Hitler und die NSDAP):

„Erstens wurde das allgemein Politische ein persönliches Schicksal, sofern man herausging. Zweitens aber wissen Sie ja, was Gleichschaltung ist. Und das hieß, daß die Freunde sich gleichschalteten! Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was damals in der Welle von Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors, vorging: Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. Ich lebte in einem intellektuellen Milieu, ich kannte aber auch andere Menschen. Und ich konnte feststellen, daß unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. Aber unter den anderen nicht. Und das hab ich nie vergessen.“

„Sehen Sie, daß jemand sich gleichschaltete, weil er für Frau und Kind zu sorgen hatte, das hat nie ein Mensch übelgenommen. Das Schlimme war doch, daß die dann wirklich daran glaubten! Für kurze Zeit, manche für sehr kurze Zeit. Aber das heißt doch: Zu Hitler fiel ihnen was ein; und zum Teil ungeheuer interessante Dinge! Ganz phantastische und interessante und komplizierte! Und hoch über dem gewöhnlichen Niveau schwebende Dinge! Das habe ich als grotesk empfunden. Sie gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle, würde ich heute sagen. Das ist das, was passierte.“

Das trifft sehr vieles sehr genau, was diese Erklärer so tun. Wir sollten Ihnen nicht auf den Leim gehen. Nihil enim minus in nostra est potestatem quam animus.

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