Ieper/Ypres/Ypern

Vor hundert Jahren: Die dritte Flandernschlacht. Bei den Engländern bekannter als „Battle of Passchendaele“ – sie führte u.a. dazu, dass die grössten Militärfriedhöfe ausserhalb des UK sich in und um Ypern herum befinden. Insgesamt verlor das Vereinigte Königreich im ersten Weltkrieg mehr Soldaten als im Zweiten, auch das ist zuvorderst den Kämpfen um Ypern zu verdanken. Dazu unzählige Angehörige des gesamten damaligen Empires. 1917 ist das Jahr des „Totalen Krieges“, auch wenn der Begriff schon davor in Frankreich genutzt wurde.

All diese Dinge kann man in dieser Stadt sich noch einmal vor Augen führen. Und in den Feldern und Dörfern um die Stadt ebenfalls und bis heute. Bis heute werden auf den Feldern Granaten gefunden, die noch nicht detoniert sind, bis heute werden bei Bau- und Erdarbeiten Skelette von Soldaten gefunden, bis heute wird jeden Samstag (!!!) von der belgischen Armee eine kontrollierte Munitionsspregung vorgenommen mit den „Funden“ der Woche. Bis heute.

Das ist eine ganz andere Wahrnehmung des gleichen Krieges wie in Deutschland. Es ist -so wird er genannt- der „Grosse Krieg“, der alles davor gewesene in den Schatten stellt. Zugleich ist es ein Krieg, der fast gar nicht in Deutschland selbst stattfindet. Belgien verliert seine gerade erst 84 Jahre währende Unabhängigkeit, indem es von einer der in den Wiener Verträgen festgelegten Garantiemacht angegriffen wird. Lediglich die Gegend um Nieuwpoort kann aufgrund der Überflutung des Ijzer-Hinterlandes unbesetzt bleiben. Das Vereinigte Königreich, eine der anderen Garantiemächte fühlt sich verpflichtet dem kleinen Land zu Hilfe zu kommen, gemeinsam mit den Franzosen. In der Folge wird Ypern zur Chiffre eines endlosen Gemetzels und bis dahin völlig unvorstellbarer Zerstörung.

Wir waren dort für einen kurzen Wochenendausflug, kombiniert mit einer kleinen Radtour von Kortrijk über Menen nach Ypern, ca. 30 km. Natürlich waren wir im „Flanders Fields“-Museum und haben eine „Last Post“ besucht. Dazu später mehr. Genächtigt wurde per AirBnB und pünktlich zum Wochenende bekam eins der Kinder eine Mittelohrentzündung. Dazu viel radfahrendes Volk auf Rennrädern und in bunten Trikots, am Sonntag fand das Profirennen „Gent-Wevelgem“ statt, mit Teilstrecken in und um die Stadt. Eine schöne kleine Stadt (knapp 30.000 Einwohner), die es durch ihren originalgetreuen Wiederaufbau schwer macht sich vorzustellen, das nichts, wirklich nichts, was man vor den ehemaligen Tuchhallen (das heutige Museum) irgendwie sehen kann, tatsächlich älter als 100 Jahre ist.

©LeMiroir, schon Ende 1914 war von der Stadt nicht mehr viel übrig.

 

©wikimedia commons, 1918 blieben fast nur noch Schutthaufen und breite Pfadwege

 

Street corner in Poelcapelle, Belgium. December 19, 1918. ©Lt. Ira. H. Morgan. – die direkte Umgebung von Ypern nach der 3. Flandernschlacht

 

©MF, heutiger Zustand bei Abenddämmerung

Last Post gab es zum Samstagabend mit Kind 1.9. Was ist das? Ein Erinnerungsritual. Auf dem Feld wurde täglich die Feldpost eingesammelt (und zensiert) und dazu ging ein Postbeamter durch die Schützengräben. Ein wichtiger Punkt des Tages für die Soldaten. 1928 entstand daraus eine tägliche Erinnerung an die Gefallenen, immer durchgeführt Abends um 20 Uhr am „Menentor“, einem Triumphbogen, erbaut nach dem Grossen Krieg und der die Namen aller damals bekannten Gefallenen eingraviert bekam. Für viele Abteilungen der Armee des Vereinigten Königreichs ein Pflichttermin, um der Vorfahren zu gedenken, noch viel mehr für Abteilungen aus Übersee, zum Beispiel Neuseeland oder Kanada. Die Melodie ist im Commonwealth Gemeingut für militärische Zeremonien und besonders Begräbnisse.

©Last Post Association, König Phillippe und Königin Mathilde bei einer LastPost

 

©Last Post Association, Abteilungen schottischer Dudelsackspieler finden sich ebenso…

 

©MF, …wie die 4. Infanterie-Brigade links im Bild

Nach der Zeremonie verbleiben die jeweiligen Abteilungen noch ein wenig am Tor, so dass Kind 1.9 die Gelegenheit nutzte den Kommandeur der Brigade (rechts im Bild mit roter Mütze) ausführlich darüber zu befragen, ob er seine Auszeichnungen und Orden selbst erworben oder geschenkt bekommen hat. Eine abseitige Frage? Keineswegs, der Offizier war formvollendet höflich und auskunftsfreudig, das Übersetzen aus dem Englischen hat der Herr Papa übernommen.

Der Rückweg am Sonntag war nach einer etwas unruhigen Nacht geprägt vom deutlich stärkeren Wind, der den Rückweg doch um 3-4 entscheidende Kilometer pro Stunde verlangsamte (trotz Anfeuerung der Zuschauer vom Profirennen auf der gleichen Strecke) und insbesondere von Menen nach Kortrijk an der Leie entlang, richtig unangenehm wurde. Auch der direkte Weg entlang der N5 ist durchweg mit einem Radweg versehen, acuh wenn die Qualität des Belags stellenweise besser sein dürfte, am Fluß dagegen ist sie richtig gut. Ankunft in Kortrijk mit richtig schweren Beinen, Zusammentreffen mit der Restfamilie und Zugfahrt nach Hause. Vom Nordbahnhof dann noch die gute halbe Stunde bis vor’s Haus und richtiges Frühlingswetter genossen.

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