Wunder, Werbung, oder: Meinungsforschung

„Eigentlich kaum vorstellbar, dass sich einer, der von Beruf Statistiker ist, mit solcher ‚Analyse‘ auf den Markt wagt. […] Das ist so schlicht, dass es nicht mal wirr ist. Ein klarer Fall von Selbstrufmord.“ Das ist ein Zitat von Detlef Esslinger aus der „Süddeutschen Zeitung“. Aber wem gilt es?

Da kommen Sie nicht einmal drauf, wenn ich vorab verrate, dass es mit der SPD zu tun haben könnte!

Selbst wenn Sie, geneigter Leser, aus Köln und Umgebung kommen, wird Ihnen der Name Manfred Güllner ganz bestimmt nicht als Erstes eingefallen sein, das kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Der Herr Honorarprofessor der FU Berlin ist vielen wohl deutlich besser bekannt als Gründer und Chef des FORSA-Instituts. Er war aber auch mal Direktor des Statistikamtes in Köln und nimmt von dieser Warte aus für sich in Anspruch etwas von Kommunalpoltik zu verstehen. Nicht, dass das in Köln irgendwie anders wäre als anderswo, zumindest im Groben. Von daher wäre das eher minder interessant.

Dann gibt es da noch den Deutschen Städte- und Gemeindebund der über die Zimper Media GmbH das Blatt und Onlineportal „Kommunal“ herausgibt und betreibt, angeblich in einer Auflage von 100.000 Stück. Hier hat der Herr Honorarprofessor etwas durchaus bemerkenswertes publiziert:

Fahrrad – Wahn in Deutschland?

Da fragt man sich spontan: Nur in Deutschland? Nicht gleich in Europa? Wenn nein, wieso nicht? Weil Europa sowieso in Deutschland stattfindet? Oder gibt es gar keine Welt ausserhalb Deutschland, nur dass diese Tatsache von einem Elitenkartell ein bisher gut gehütetes Geheimnis war?!

Wer jetzt gespannt wie ein Flitzebogen der Aufklärung harrt und den Text liest, reibt sich vielleicht ein wenig die Augen und fragt sich, ober der Autor und Honorarprofessor vielleicht ein WAN meinte, quasi für jedes Velo einen Internetanschluss für das IoT, den neuesten heissen Sch****. Das wäre schön, ist es aber nicht. Stattdessen möchte der Autor uns über Stadtentwicklung aufklären, das wäre vermutlich seine Selbstbetrachtung des Textes. Wie das halt so ist mit Eigen- und Fremdwahrnehmung, geht das mal gut und mal nicht. Man könnte sich jetzt seitenlang mit jedem einzelnen Wort des Textes vergnügen, das wäre zwar im Sinne der Aufklärung aber auch ein wenig langatmig, um nicht zu sagen: sterbenslangweilig. Zum Glück gibt es aber Grafiken die der Autor bei seinem Text genutzt hat und da wird es richtig schön und interessant. Wir nutzen sie in der gleichen Reihenfolge wie der Herr Professor.

©FORSA

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Nun, was sehen wir da? Neinnein, nicht die Prozentzahlen, die sind nur sekundär interessant, interessant ist eigentlich die Fragestellung: Was GLAUBEN Sie als Befragter, wofür die Politik im Verkehrsbereich Geld auszugeben bereit ist? Nun, wir leben in einem halbwegs säkularisiertem Land (OK, der König ist immer noch katholisch), wir alle dürfen glauben was wir wollen, solange es nicht gegen Gesetze verstösst. Allerdings, Glauben ist bei weitem nicht deckungsgleich mit Wissen. Tatsächlich ist der Betrag von Bund, Ländern und Kommunen, für Schaffung und Erhalt von Radinfrastruktur ziemlich gering und erst recht mikrig, wenn man die Aufwendungen für den motorisierten Strassenverkehr daneben betrachtet. Die Grafik beleuchtet also ein Tatsachen-Wahrnehmungsproblem. Aus diesem Wahrnehmungsproblem will der Autor eine Tatsache machen, indem er auf die Errichtung des Innenstadtradwegenetzes in Köln in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verweist. Das kann man machen, wenn man sonst nichts hat, aber es ist trotzdem über 30 Jahre her und schon damals waren die vom Autor kolportieren 600.000 DM nicht gerade extrem viel, der Rheinufertunnel kostete etwa zur selben Zeit 120 Mio. DM für ganze 500 Meter. Man sollte also schon ein wenig einordnen können, wovon man da so skandalisierend redet.

Jetzt aber doch mal ein Zitat, einfach weil es so schön ist:

„Doch alle nicht interessengetriebenen Untersuchungen belegen das [die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer in der Stadt Rad fährt, Anm. d. Autors] keinesfalls. So zeigt auch eine aktuelle Befragung von forsa (befragt wurden 2.506 Bundesbürger ab 14 Jahre), dass der Anteil derer, die das Fahrrad als Verkehrsmittel nutzen, nach wie vor eine Minderheit ist. Das Fahrrad ist auch 2016 überwiegend ein in der Freizeit genutztes Verkehrsmittel, das allenfalls zusätzlich – vor allem zum Auto – genutzt wird.“

Wovon ist da die Rede? Es wird unterstellt, dass das Fahrrad tatsächlich das meistgenutzte Verkehrsmittel in den grossen Städten sei. Das dem nicht so ist, wird durch Hinweis auf eine eigene Befragung untermauert. Zusätzlich wird behauptet, dass das Fahrrad ein v.a. in der Freizeit genutztes Sportgerät sei. Hmm, mal überlegen…vielleicht finde sich da was…

©BMVI/Sinus, Egal wie alt, mindestens 70% bevorzugen ein KFZ

©BMVI/Sinus, Egal wie alt, mindestens 70% bevorzugen ein KFZ, sieht destatis genauso

 

©UBA

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Wie jetzt nun? Will die FORSA ernsthaft weismachen, sowohl Sinus, das UBA und destatis (also das Statistische Bundesamt) sind alle zu blöd ihre eigenen Zahlen zu lesen? In Abwandlung eines Zitates von Walter Ulbricht könnte man auch sagen: Niemand hat die Absicht mit dem Fahrrad zu fahren. Der Herr Professor will eine Eigenleistung herausstreichen, die redundant ist, da es genug erhobene, validierte und öffentlich verfügbare Zahlen gibt die belegen: Radfahrer, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, sind bis heute eine Minderheit. Immer. Sogar in Kopenhagen, der Fahrradstadt schlechthin liegt der Anteil bei 45%. Umgekehrt ist der MIV, also v.a. das eigene KFZ, in der Mehrheit. Es wird aber beileibe nicht überwiegend auf dem Weg zur Arbeit genutzt und schon gar nicht auf Wegstrecken wo es seine Stärken wirklich zur Geltung bringen könnte – sondern auf Distanzen überwiegend unter 20 km und für Freizeitaktivitäten. Es wird also versucht eine von niemandem erhobene Behauptung mit einer überflüssigen Untersuchung zu widerlegen. Ein ziemlich flacher Trick, egal mit welchen rhetorischen Pirouetten geschmückt („modal split“ u.ä.). Damit der aber nicht ganz so auffällt bedient sich der Herr Honorarprofessor an einer anderen Grafik, dieser hier:

©FORSA

©FORSA

Was soll das denn jetzt? Falls Sie sich diese Frage auch stellen, sind wir schon mindestens Zwei. Es nun beileibe kein Staatsgeheimnis, dass sich die Nutzung des Verkehrsmittels nicht exkat deckungsgleich zur quantitativen Verbreitung verhält. Diese Grafik kann man sich also schenken, bzw. schaut lieber in die Sinus-Untersuchung, die neben Alter auch sozioökonomische Daten beinhaltet und deutlich differenzierter darzustellen weiss, weil sie auf besserer Datenbasis fusst. Der Sinn der obigen Grafik ergibt sich aber erst, wenn man den nachfolgenden Text (ebenfalls unterhalb der Grafik) dazu zitiert:

„Wird also der Fahrradverkehr so massiv in den Städten gefördert wie zurzeit, wird dadurch vor allem die eher wohlhabende grüne Klientel bevorzugt. Das aber führt zu Unmut bei der großen Mehrheit der Bürger, die sich ein weiteres Mal darüber ärgern, dass die Politik sich nicht an den Bedürfnissen der Mehrheit der „normalen“ Bürger orientiert, sondern an den Wünschen sich lautstark artikulierender Minoritäten.“

Nehmen wir mal Berlin. Dort ist auch der Firmensitz der FORSA. Ausweislich dieses Interviews aus dem Jahr 2015 und ihres Haushaltplans gibt die Stadt gut 1 Euro pro Einwohner für den Veloverkehr, hingegen ein Vielfaches für den MIV und den ÖPNV. Vielfach meint, dass das Zehnfache noch nicht ausreicht. Es wird im Text also eine Förderung behauptet, die es nicht gibt. Und die sog. „schweigende Mehrheit“ sollte man derzeit nicht für etwas hernehmen, was sich keinesfalls belegen lässt, ausser vielleicht durch Biegen von Zahlen, bis eine Lüge herausbricht – die auch nicht weniger schäbig wird, wenn man im weiteren Text auf die noch viel mehr benachteiligten Fussgänger verweist. That’s why the lady is a Trump.  In echt jetzt.

Zum krönenden Abschluss kommt dann diese Grafik zum Einsatz:

©FORSA

©FORSA

Auch hier gilt wieder, die Antworten sind weniger interessant als die Frage. Diese bezieht sich nicht auf die Tatsache, sondern allein darauf, was die Befragten denn von der Politik ihrer Stadt denken, unabhängig von Tatsachen vor Ort. Man könnte es auch kontrafaktische Fragestellung nennen. Zudem werden hier wiederum die Wähler von Bündnis 90/Die Grünen gesondert herausgestellt. Nur mit welchem Zweck? Fahren CDU-Wähler prinzipiell kein Fahrrad? Man mischt sich also einen Cocktail aus den Antworten zur Frage zusammen, damit er irgendwie ins Weltbild der „Fahrrad fahrenden weltfremden“ Grünen-WählerInnen hineinpasst. Das kann man noch Statistik nennen, aber ob man in der Sozialwissenschaft so etwas auch nur im Erstsemester abliefern dürfte, erscheint ein wenig zweifelhaft, zu tendenziös die Fragestellung, zu dünn die Ergebnisse.

Zum guten Schluss dann, damit es jeder merkt, kommt dann noch einmal der Holzhammer:

„Die Kommunalpolitik wäre somit gut beraten, wieder eine ausgewogenere Verkehrspolitik als heute zu betreiben und sich nicht von „Fahrrad-Lobbyisten“ – wie z. B. dem Initiator des Berliner Volksentscheids „Fahrrad“ Heinrich Strößenreuther – zu falschen Weichenstellungen verleiten zu lassen.“

Man kann zu dem Volksentscheid stehen wie man will. Es ist aber keine Frage der Kommunalpolitik, sondern Berlin ist ein Stadtstaat und das Volksbegehren ist somit gleichbedeutend mit einem Entscheid in einem Bundesland. Mit den „Weichenstellungen“ ist das so eine Sache, denn die Zukunft ist schlechterdings unbestimmt, man weiss also immer erst hinterher, ob man richtig oder falsch oder irgendwo dazwischen lag. Ziemlich sicher ist hingegen die Gegenwart und wer sich einmal in den wirklich grossen Städten in Europa umsieht, der kann zur Hauptverkehrszeit eines sehen: Stillstand. Mann kann das für den Gipfel des Fortschritts halten, aber zumindest einige Mitmenschen sehen das anders und zwar ganz unabhängig von Geld oder politischer Präferenz. Die wollen zur Arbeit oder zu anderen Orten und Terminen und nicht stundenlang Zeit verschwenden. Zudem: Die Kommunen müssen mit den Emissionen, den Konflikten, dem Lärm und den Folgeerkrankungen klarkommen. Da wird sich so mancher Verwaltungschef Fragen stellen und die Antworten darauf kann man an vielen Ecken in Europa sehen, sogar im Brüsseler Europaviertel, man muss sie nur sehen wollen.

Nun, der Deutsche Städte- und Gemeindebund ist ja letztlich auch nur eine Lobbyorganisation von vielen. Daran ist nichts Verwerflich und auch innerhalb solcher Organisationen ist nicht alles homogen. Das man sich allerdings mit einer solch dünnen und reaktionären Publikation der Autoindustrie an den Hals wirft, erstaunt dann doch ein wenig. Achja, Güllner ist zwar SPD-Mitglied, aber in jeglicher Hinsicht Wiederholungstäter. Da kann man wohl nix machen.

Wer zu sehr vom Gestern als Zukunft träumt, findet sich womöglich auf dem Scheiterhaufen wieder. Die „gute alte Zeit“, sie hat nie existiert und sie war schon gar nicht gut.

 

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