Foucault, Foucault und die ZONies

Nehmen Sie mal das Foucaultsche Pendel. Das ist zwar auch ein Romantitel von Umberto Eco, indem dieses Gerät eine wichtige Rolle spielt, aber zunächst ist es sichtbar gemachte Physik und im Grunde ganz einfach, danken wir Léon Foucault dafür. Man erkennt damit, dass sich die Erde im Kreis dreht und wir darauf mit ihr. So etwas ähnliches hatte vielleicht auch der Philosoph Michel Foucault im Sinn, als er einen Satz aufschrieb, der in der deutschen Übersetzung so zitiert wird: Befreiung von Fremdsteuerung durch Unterwerfung unter Eigensteuerung. Was er damit meint (und kann man das nicht einfacher ausdrücken)?

 

Das zeigt uns dieser Artikel aus „Zeit Online“ ganz wunderbar eindrücklich. Selbstverständlich, wir sind eine Demokratie und man darf zu allem, wirklich zu allem, eine Meinung haben und diese so öffentlichkeitswirksam wie möglich platzieren. So etwas zu verdammen hiesse, das Eigenverständnis von sich gegenüber anderen abzutrennen und das so etwas demokratisch sein kann, glaubt man vielleicht in China oder Russland, der Autor allerdings nicht.

Das Pendel unterliegt einer echten Fremdsteuerung, der durch die Erdrotation, sonst dürfte es gar keine Abweichung von der rechnerisch perfekten Pendelbewegung geben. Wir selbst allerdings, zumindest die von uns, die nach Kant geboren sind und deren persönliche Freiheit weder von Krieg oder staatlicher oder sonstiger Gewalt beeinträchtigt wird, wir können (eigentlich) sehr wohl uns selbst steuern. Das bedeutet zum einen, dass wir unseren Verstand benutzen und zum anderen das wir zwischen echten und vermeintlichen Zwängen zu unterscheiden vermögen, ganz gleich, ob wir sie uns selbst auferlegen oder sie von aussen an uns herangetragen werden. Was hat das nun mit dem Artikel zu tun und mit dem Velo?

Nun, der Autor bei „Zeit Online“ fühlt sich von anderen Verkehrsteilnehmern fremdgesteuert, entweder fahren sie trödelnd Schlangenlinien auf dem Radweg oder sitzen am Steuer eines KFZ und beschimpfen ihn. Das mag so sein, dürfte aber auch ein wenig holzschnittartig in der Darstellung sein. Anstatt sich jetzt dieser Fremdsteuerung zu entziehen (fahren zu einer anderen Zeit, auf einem anderen Weg) besteht er trotzig auf seiner Handlungsfähigkeit innerhalb seiner Eigenverantwortung (jaja, der Krückenliberalismus) und übersieht dabei völlig, dass er sich, seine Affekte und seinen Verstand einem selbst gebastelten Regime unterwirft. Er ist Wutradler! Und schuld sind natürlich die anderen daran. Wer sonst?

Jaja, das Leben in Gemeinschaft könnte so schön sein, wären da nicht die anderen! Sehr ähnlichanders sieht das eine latent rassistische Memmenpartei deren Kürzel einen an eine Technoparty aus den Neunzigern erinnert. Allein schon deswegen, sollte ein professioneller Autor ein wenig reflektierter sich selbst gegenüber sein, oder ganz einfach eine Story ohne seine persönliche Materialisierung darin schreiben. Was er in diesem Artikel beschreibt sind zweierlei Begriffe, deren Verwendung zumindest bedenklich ist. Zum einen wird Verkehr damit verknüpft, dass er „nicht nett“ sei. An dieser Stelle sollte man sich selbst daran erinnern, dass man praktisch immer auch Teilnehmer „am Verkehr“ ist und dementsprechend fehlbar. Jeden Tag treffen wir Fehlentscheidungen, die nur deshalb nicht so gravierend ausfallen wie sie vielleicht müssten, weil eben „die anderen“ ebenfalls sehen, hören, bemerken was wir tun und versuchen unsere Fehler zu korrigieren. Das ist zwar keine Pflichtveranstaltung, aber die meisten Mitmenschen tun es einfach, ohne sich zu fragen ob das jetzt „nett“ oder etwas anderes sein könnte, einfach um den Tag nicht noch weiter zu verkomplizieren. Zum anderen nutzt er den Begriff „Wutradler“ (gerne wird auch in veröffentlichter Form von „Kampfradlern“ gesprochen), nur um gleich anzufügen, dass es „nur“ ein Mittel gegen die Angst und gegen die Gefährdung der Radfahrer im Strassenverkehr sei.

Unterm Strich betreibt der Autor eine Selbstabsolution. Die ist aber unangebracht. Zum einen weil Mobilität (dieser Begriff kommt nicht einmal im Artikel vor) ohne andere, also wirklich ganz allein, allenfalls noch in Wüstengebieten vorkommt, sonst aber wohl eher nicht. Damit kann man sich den komplexen Wechselbeziehungen nicht einfach dadurch entziehen, dass lediglich „andere“ Fehler machen, man selbst aber penibelst seine Pflichten nach der STVO beachtete. Das ist unvernünftig und empirisch falsch. Zum anderen weil das im Umkehrschluss verwendete Bild der „Wut aus Notwehr“ den Begriff der Notwehr pervertiert und kaschiert, dass der Autor sich selbst unterwirft, indem er nicht einfach nur schnell, sondern auch streitbar, vielleicht sogar aggressiv seiner Umwelt gegenüber auftritt, zumindest so lange er sich per Velo fortbewegt und damit noch weniger zu einem gedeihlichen Miteinander im öffentlichen Raum beiträgt (denn auch das ist ein Aspekt von Mobilität) und seine eigenen Bedürfnisse absolut über die seiner Umwelt platziert, wobei er eigene Fehler als inexistent verneint. Damit fühlt er sich befreit. Zunächst. Letztlich aber wird damit aus dem Problem, dass zuviel Personen, gerade in grossen Städten, sich zu oft für den MIV entscheiden, das Problem, dass zu viele Menschen denken, Rücksichtslosigkeit in komplexen Mobilitätssituationen sei die einzige Lösung für das eigene Fortkommen, eine Art übersimplifizierter sozialer Darwin.

Natürlich, auch der Autor dieses Textes ist der gelgentlichen emotionalen Ausbrüche nicht abhold, wenn es mal wieder um Kopf und Kragen ging auf dem Weg von A nach B, wobei das hierzulande sich in den letzten 10 Jahren trotzdem zum Besseren entwickelt hat. Wer aber meint, mit schiefen Konstruktionen vom „ich gegen alle“ der Mobilität per Velo in irgendeiner Form dienlich zu sein den muss ich enttäuschen. Das Gegenteil wird der Fall sein. Paradoxe Welt. Umberto Eco konstruierte daher eine Welt voller Verschwörungstheorien in seinem Buch, auch das ist derzeit wieder sehr en vogue.

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