Was ist ein Velo wert?

Man kann ja die wildesten Diskussionen vom diskursiven Zaun brechen, wenn man einmal ausspricht was gute Velos so kosten können. Versuchen wir doch einmal zu ergründen was ein Rad, das in der Nähe des statistischen Durchschnittspreises liegt, in etwa kostet. Wir greifen auf öffentliche Quellen zurück, also zumeist die grossen und bekannten Teileversender.

 

Basis soll diese Rad sein, dass T-50 von der Fahrradmanufaktur:

Warum dieses Rad? Weil es die Grenze zu qualitätsvollen Rädern markiert und die Teileliste relativ komplett auf der Website dokumentiert ist, man muss also nicht ewig lange im Nebel stochern (genauer: auf alibaba). Natürlich gibt es Teile, die nur der Hersteller so beziehen kann, sogenanntes OEM. Wir weisen darauf hin und greifen zu gleichwertigen Teilen und deren Preisen.

Nun, was ist da dran? Ein Rahmen, ein Schaltgetriebe, Bremsen, Licht, Gepäckträger. Listenpreis: 579,90 Euro.

Davon ziehen wir zunächst einmal die Umsatzsteuer (UST) ab, das sind in Deutschland 19% oder 92,59 Euro, bleiben also 487,31 Euro, woran aber noch der Hersteller, der Händler und -so vorhanden- der Grosshändler jweils etwas dran verdienen wollen, dazu später mehr.

Ziemlich centgenau 100 Euro ohne UST (wie alle folgenden Preise) können wir abziehen für die Getriebenabe und den Schalter, bleiben noch 387,31 Euro. Weitere 13,36 Euro für die Kurbel und 8,32 Euro für das Innenlager und weitere 16,72 Euro für die KMC Z610RB-Kette. Weiter geht’s mit 12,60 Euro für den Lenker, die Summe für den OEM-Vorbau ist nicht direkt ermittelbar, dürfte aber auch um die 10 Euro betragen. Die Griffe von Herrmans schlagen mit 5,38 Euro zu Buche, während der Steuersatz schon mit 21,68 Euro zu Buche schlägt. Auch der Sattel ist mit 15,96 Euro veranschlagt nicht gerade ein überbilligteil, genausowenig die Humpert-Sattelstütze, die anscheinend ein sog. OEM-Teil ist, aber dennoch mit mindestens 12 Euro in die Rechnung einfliessen wird. Bei den Bremsen handelt es sich um Shimano BR-T4000, die mit 20,08 Euro berechnet werden. Da die Bremsen auch bedient werden müssen, schlagen die Tektro CL-530 Bremsgriffe mit weiteren 10,84 Euro auf die Rechnung. 25,13 Euro muss man allein für den Nabendynamo Shimano DH-3N31 einkalkulieren, da fehlen noch die Scheinwerfer und das Rücklicht.

Die Schürmann-Hohlkammerfelgen sind ebenfalls OEM, wenn wir mal von ähnlichen Modellen ausgehen, kostet das pro Stück (!) 12,52 Euro. Ebenfalls pro Stück gerechnet die Bereifung in Form eines Schwalbe Big Apple mit 13,40 Euro, dazu ein Felgenband, pro Stück 1,50 Euro und ein Schlauch, pro Stück 3,00 Euro. Diese Beträge müssen wir also in der Endabrechnung nochmals verdoppeln.

Gleich mit 24,33 Euro, immerhin für das Paar, muss man das äquivalent zu der OEM-Version der SKS-Schutzbleche einpreisen, ein gern unterschätzter Posten. Speichen dagegen berechnen 17,28 Euro und die Nippel dazu mit 7,20 Euro und fertig sind wir noch lange nicht. Beim Gepäckträger wiederum müssen wir auf Vergleichsmodelle zurückgreifen, da es sich um ein nicht spezifiziertes OEM-Teil handelt. Bei einem grossen Versender aus NRW findet man einen vergleichbaren Träger für die Hinterradmontage für 18,91 Euro. Den Kettenschutz wollen wir an dieser Stelle keinesfalls vergessen, das bedeutet weitere 12,52 Euro auf dem Billet. Ein 15 Lux-Scheinwerfer wie den LS103 von Trelock, der sonst nicht erhältlich ist, kann man mit 7,48 Euro einrechnen, das Rücklicht LS613 allerdings ebenfalls mit den gleichen 7,48 Euro. Pdeale sind nicht richtig viel teurer mit 10,08 Euro, wir haben hier mangels Angaben auf ein Vergleichsmodell zurückgegriffen. Die Pletscher Mittelstütze ist dagegen mit 4,96 Euro vergleichsweise preiswert, ebenso die beigefügte SKS Rookie Pumpe für 4,19 Euro. Was noch fehlt sind die Seilzüge für Bremse und Schaltung. Macht 8,32 Euro jeweils für Bremszüge und Schaltzüge.

 

Nun, mitgerechnet bis hierhin? Nicht weiter schlimm wenn nicht, wir rechnen hier auch einmal zusammen und erreichen, vor UST, diese Summe: 463.98 Euro.

Weiter oben haben wir einen Nettopreis von 487.31 Euro.

Differenz: 23.33 Euro oder 4.79% – falls es noch nicht aufgefallen ist, genau diese Summe bleibt für den Rahmen übrig und die Gabel dazu. Jetzt werden Sie sagen „Das ist doch irre! Dafür kriegt man nicht mal in Simbabwe einen Velorahmen!“ und damit haben Sie recht. Wir sollten der Vollständigkeit halber aber auch noch erwähnen, dass neben dem Rahmen auch noch die Zeit und Person für die Montage der ganzen Einzelteile zu einem Fahrrad bis hierhin ebenfalls fehlt. Da bleibt also eher noch weniger Geld für beides übrig.

Und der Gewinn? Richtig, wir leben ja im Kapitalismus, da muss sich verkaufen ja irgendwie doch lohnen, aber bisher kommen wir ja nicht einmal mit dem Budget aus, um wirklich alle Teile des Velos zu bezahlen und die Montage zu leisten.

Selbst wenn wir grosszügig wären und dem Einkauf grossartige Fähigkeiten zuschreiben und beim ursprünglichen Nettopreis von 487.31 Euro eine Bruttomarge von 20% ansetzen sind das in Euro genau: 97.46 Euro. Allerdings ist diese Summe nicht die, die der Händler bekommt, sondern er wird sie mindestens mit dem Hersteller teilen müssen, evtl. sogar mit seinem Grosshändler.

 

Dafür arbeitet der Händler. Ist das zuviel?

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2 Antworten zu “Was ist ein Velo wert?

  1. Du hast zwar die Bruttomarge von 20% berücksichtigt, „spielst“ aber nur einem einzigen Fahrrad rum. Macht das wirklich Sinn? Sind so die EK Preise, steuerfrei selbstverständlich realistisch?

    Ich kann mir beim besten Willen ncht vorstellen, das da beim Hersteller nur 20% hängen bleiben sollen. Denn zu dem Montagepersonal und der Zeit ansich kommenja noch Kosten wie Lagerhaltung/ Logist, Strom, Wasser und und und…

    Wen ich mal eine gesehen Goretexjacke zu Grunde lege die es mal zu 160 Euro gab ( war real zu erwerbene Neuware und ich hätte fast zugegriffen) die aber im Neupreis weit über die 300 Euro lag, dann kann man sich denken, das bei einem regulären Preisnachlass von ü. 50% immer noch genug hängen geblieben ist, das die wenigen daran noch verdient haben.
    Anders gesagt; Margen von 20% sind lächerlich und würden niemanden hinter dem Gebüsch hervorlocken auch nur Anstrengungen hinsichtlich Überlegungen einer Produktion zu unternehmen.

    • Mag sein,
      letztlich ist es aber so, dass der Händler davon am wenigsten hat und dafür die Räder im Laden sogar noch vorab zahlen muss.
      50% halte ich persönlich für illusorisch. Apple schafft 30% Marge (kein Gewinn), manche Industrielieferanten 20%, manche Werbeagenturen 25%. Oberhalb von 1/3 ist alles voodoo.

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