WMDEDGT 03/2016

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Frage ich mich mindestens so oft wie Familie Brüllen.

 

5 Uhr

Frau Mathephysik steht in der Tür und sagt: „Dein Kind! Jetzt!“

Dazu müsste man sagen, wir haben uns angesichts der Verteilung von Erkältungssymptomen unter Berücksichtigung gewisser faktischer Beschränkungen dazu entschlossen, diese Nacht getrennt zu schlafen, Frau Mathephysik bei Kind 2.0 und ich auf der Schlafcouch im Arbeitszimmer. Um 5 Uhr ist das alles Theorie, ich gehe kurz auf Toilette und lege mich zu Kind 2.0 ins Bett, das zappelt und grunzt wie ein stachelborstiges Waldtier mit Hauern und selig weiterschläft. Ich auch, zu meiner Verwunderung.

 

7 Uhr

In Anbetracht der gegebenen Tatsachen, wechseln wir alles wieder zurück und ich sage dem Kind 1.8 das es gerne aufstehen kann, aber sich leise verhalten soll. Tut es auch, das Goldstück.

 

8.15 Uhr

Wir stehen alle auf. Naja fast. Ich gehe schon mal in die Dusche, nachdem ich bei Kind 2.0 den morgendlichen Windelwechsel vollzogen habe und die anderen drei kuscheln und lesen noch im Bett. Danach stürmen Frau Mathephysik und Kind 1.8 das Bad und Kind 2.0 wird nach unten transferiert zwecks Vorbereitungen das Haus zu verlassen. Draussen sieht es aus wie die letzten drei Tage: graugraugrau und bald wird es wohl wieder aus Eimern regnen. Mit dieser Erwartung liege ich heute aber mal falsch.

 

9.30 Uhr

Samstag ist Cafétag, da sind wir meist zu langsam, um vor 10 Uhr vor der Tür zu sein. Trotz kollektiver Rüsselpest und Pseudotuberkulose sind wir heute früher dran. Da „le bleu“ heute an eine Nachbarin verliehen ist, gehen wir zu Fuss zum Bus. Frau Mathephysik und Kind 1.8 steigen schon nach 2 Stationen aus, um eine wichtige Erledigung an diesem noch jungen Tag vorzunehmen: Spielzeugkauf vom eigenen Taschengeld.

 

10.15 Uhr

Nach Umstieg am Jagdhorn Ankunft am Stammcafé mit Kind 2.0 in der Manduca. Heute ist irgendwie alles zu schnell für mich, da hebt sich die Bedienung wohltuend ab, die in sorgsam einstudierter unendlicher Langsamkeit wie immer ein zauberhaftes Frühstück kreieren kann. Zwar gibt es neben lokalüblichen Zeitungen aus Deutschland nur die FAZ, aber zur Belustigung über die Denkfaulheit sog. Eliten ist das OK. Schon kommt die erste Freundin, mit der wir uns hier regelmässig treffen und bewundert ein wenig Kind 2.0, das tatsächlich bereit ist ohne grosses Gebrüll aufzuwachen und die Welt anzusehen.

 

11.15 Uhr

Kind 2.0 ist nach einer kurzen Quackichweissnichtwasichhiersoll-Phase eingeschlafen, aber bald sind 3 Stunden rum und dann wird es spannend, oder kritisch, oder sogar überkritisch wie der Atomphysiker zu sagen pflegt. Doch, kaum den Gedanken etwas intensiver gepflegt, stehen Frau Mathephysik und Kind 1.8 im Café und präsentieren ihre Schätze in Form von Playmobil-Mammuts und Legoautos. Wir bewundern ein wenig Portugalfotos der Freundin und ich frage mich, wie ich dorthin wohl eine Radreise machen könnte.

 

12.30 Uhr

Kind 2.0 hat seinen Bauch vollgestopft und wir verlassen das Café und begeben uns auf den Markt. Kind 1.8 will derweil erst noch seinen Tee zu Ende trinken und meditiert über den neuen Spielzeugen mit dem Tee allein im Café, während unsere Freundin nach Hause abbiegt, sie will sich um 13 Uhr für Zeichenworkshops im Sommer in UK einschreiben – dafür fehlt mir leider jegliche Brillianz.

 

13.45 Uhr

Wieder zu Hause. Uff, selbst mit so ein bisschen Erkältung fühle ich mich wie von einem Tagebaubagger überrollt. Schön langsam, damit es ordentlich quetscht… Habe sogar noch Riemen bekommen, die mir hoffentlich die fehlenden Riemen an der Babyschale für den Hänger am Velo ersetzen. Einkäufe verräumen, Kind 1.8 guckt eine Geo-Reportage, Kind 2.0 schläft zunächst weiter.

 

14.45 Uhr

Kind 2.0 will futtern, daher kann ich für die „über 18“-Fraktion einen Kaffee ansetzen, damit uns nicht noch die Augen zufallen.

 

16 Uhr

Kind 1.8 hat das Legoauto zusammengebaut und ist sehr stolz auf seine kleine Sammlung von 3 Fahrzeugen mit Aufziehmotor. Kind 2.0 hat einen sehr ruhigen Nachmittag und verbringt diesen überwiegend schlafend, was Frau Methephysik trotz erzwungener Untätigkeit in der persönlichen Mobilität durchaus begrüsst.

 

16.30 Uhr

Die Nachbarn, die „le bleu“ geliehen haben, überlassen uns ihr Auto, um die Tante heute vom Bahnhof einzusammeln. Ich gehe rüber, der Mann allein zu Haus, die Kinder beim Kindergeburtstag, die Frau unterwegs, da hat er sich die Küche Untertan gemacht und Walnussbrot gebacken. Sieht gut aus, ein definitiver Kandidat für Rezepttausch. Nach kurzem Plausch steige ich ins Auto und fahre zum Nordbahnhof. Finde tatsächlich einen Parkplatz, aber OK, ist Samstagnachmittag.

 

17.30 Uhr

Der ICE ist pünktlich. Sensationell! Tante wird gefunden und ins Auto verladen und wir fahren erst einmal zum Quartier, um sie einzuchecken. Die Strasse ist nicht einmal irgendwo, schon gar nicht in Google Maps korrekt verzeichnet, aber nach kurzer Verwirrung findet sich alles. Nur das richtige Haus hat Schilder aussen dran. Man wohnt hierzulande normalerweise schon recht anonym, Namensschilder werden nicht wichtig genommen. Fast nirgendwo, ausser bei Behörden (falls man sich mal wieder über einsprachige MitarbeiterInnen beschweren muss).

 

18.45 Uhr

Wir sind mit Tante und deren Geschenken wieder zu Hause. Kind 2.0 und Frau Mathephysik sitzen auf dem Kuschelsessel und lassen es ruhig angehen, während Goldkind 1.8 den Tisch gedeckt und das Essen vorbereitet hat. Wir machen den Endspurt gemeinsam und dann haben tatsächlich alle Hunger und Kind 2.0 ist guter Stimmung, so dass wir sogar die Hörgeräte eingeschaltet lassen können.

 

19 Uhr

Nachbar klingelt, tauscht schnell Autoschlüssel gegen ein Walnussbrot (BOAH!) und flitzt von dannen, eigentlich wollte er die Kinder vom Geburtstag zu Fuss holen, aber die haben sich wohl wirklich einmal platt gefeiert. Wir freuen uns über die Gabe!

Derweil sitze ich mit schlafendem Kind 2.0 auf dem Schoss auf der Couch und der Esstisch ist sooo weit weg. Ist aber nur vorübergehend.

 

20.30 Uhr

Kind 1.8 ist zum Abschuss ins Bett freigegeben. Diskutiert noch über Aufräumen, hilft aber nicht, ausserdem kommt Montag die Putzfrau, die soll saubermachen und nicht faulen Kindern hinterherräumen.

 

21 Uhr

Kind 1.8 schläft und ich auch. Nein, doch nicht. Es gibt ja immer was zu tun, sagt zumindest die Baumarktwerbung und hat damit leider zu oft Recht. Die Tante wird noch auf den Weg ins Quartier gebracht, dann geht es durch eine schöne Abendluft nach Hause. Es hat tatsächlich noch die Sonne geschienen und nicht mehr geregnet.

 

22 Uhr

Eingeschaltet ist der Rechner schon länger, aber erst jetzt kann ich ein wenig sortieren und diesen Text schreiben. Da noch alles röchelt, rotzt und ächzt, wird es wohl bald ins Bett gehen. Noch einen Futterstop von Kind 2.0, wickeln und dann hasta la vista, baby!

 

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