Radfahrende Veget-arier und andere Höllenmonster

Es gibt sie noch die guten Dinge. So wirbt bekanntlich ein neobiedermeierliches Handelshaus für alles Mögliche, der Satz trifft aber auch zu, wenn man bereit ist, ihn auf Menschen und ihre Betrachtung von Leben und Gesellschaften zu erweitern.

 

Der Außenminister der Republik Polen, Witold Waszczykowski, (nein, diesen Namen müssen Sie nicht bis morgen auswendig lernen, korrekt aussprechen und buchstabieren, das geht vorbei) ist ein Traditionalist klassischer hoher und gebildeter Schule. Zitat:

„Als müsse sich die Welt nach marxistischem Vorbild automatisch in nur eine Richtung bewegen – zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit traditionellen polnischen Werten nichts mehr zu tun.“

Dieses Zitat hat es mittlerweile zu einiger Bekanntheit gebracht. Es ist eine Perle. Die Verknüpfung der Vorstellung der marxistischen Revolution mit dem „Mix der Kulturen und Rassen“, die zusammen „eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern“ auf Basis erneuerbarer Energien und Atheismus begründen. Das hat Wucht und knallt wie die flache Hand auf dem Tisch!

Was aber meint der Außenminister genau damit? Schwer zu sagen, wir versuchen es trotzdem einmal.

Kultur (von lateinisch cultura ‚Bearbeitung‘, ‚Pflege‘, ‚Ackerbau‘) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik oder der bildenden Kunst, aber auch geistige Gebilde wie Musik, Sprachen, Moral, Religion, Recht, Wirtschaft und Wissenschaft.“ (wikipedia.de)

Man könnte auch sagen, Kultur ist was der Mensch tut und ein Tier nicht tut, weil ihr keine Notwendigkeit zum überleben innewohnt. Einen Kulturmix hat es  -soweit wir das nachverfolgen können- seit Bestehen des Homo Sapiens gegeben. Anders herum, wer einmal wissen will, wie das aussieht, wenn man wirklich in den Zustand vor jeglicher Kultur zurückgeht, dem sei ein Besuch in Verdun oder Ypern empfohlen.

„In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute weder in Rassen noch in Unterarten unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen seit den 1970er Jahren haben gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist.“ (wikipedia.de)

Rassenmix wäre demzufolge eine bestimmte Form der Sodomie. Nun wird ja niemand zu bestimmten sexuellen Praktiken gezwungen oder dazu sie prinzipiell gut zu finden, nicht einmal in Polen. Wie ist das nun jetzt mit dem „Mix von Kulturen und Rassen“? Dass die verschiedenen Ausprägungen des Homo Sapiens sich schon sehr lange mal mehr oder weniger begegnen und austauschen und das dies mal friedlicher und mal kriegerischer stattfand ist nun wirklich nichts Neues und dass es dabei auch zum Austausch über die verschiedenen Gestaltungen der jeweiligen Umwelt kam, ebenfalls nicht. Eine andere Definition von (Menschen-) Rassen verweist direkt ins Dunkelste vom 19. und 20. Jhd. und das wollen wir dem Herrn Minister keinesfalls unterstellen.

Was machen wir jetzt noch mit dem „marxistischen Vorbild“ welches nur eine Richtung kennt? Nun, da der Grossvater des Autors für seine KPD-Mitgliedschaft noch in ein richtig ordentliches Konzentrationslager gewandert ist, sind die Namen Marx und Engels hier keine Tabuthemen. Jedenfalls will man wohl mit dieser Chiffre in Richtung der in Polen verwirklichten Versuche der „Dikatatur des Proletariats“ hinweisen. Marx selbst spricht von einem „Absterben der Staaten“, wenn der Kapitalismus einst ausgedient haben sollte und die Revolution beginnt. Nun, wie das tatsächlich verlaufen ist, darüber gibt es genügend Abhandlungen in jeder Form. Halten wir fest, dass es eine Menge Menschen im sog. „ehemaligen Ostblock“ gibt, die ihre herausgehobene Stellung vornehmlich dazu nutzen, über „Brüssel“ in einer Form zu sprechen, als sei die EU die Verwirklichung marxistischer Theorien mit anderen Mitteln als Panzer, Mauer und Stacheldraht. Das kann und darf man so denken und auch so sagen, es erweckt aber den latenten Eindruck von mangelndem historischen Bewusstsein und noch weniger Fähigkeiten zur Einordnung.

Nun die Sodomie (egal was man jetzt darunter verstehen mag) war auch im theoretischen wie praktizierten Marxismus keineswegs gerne gesehen, die Freiheiten die man behauptete zu haben waren sehr wohl äusserst penibel begrenzt. Von daher müssen wir wohl zu unserem Bedauern festhalten, dass der erste Teil des Zitats zumindest historisch nicht haltbar ist. Zwar war es im real existierenden Ostblock der Zeit nach 1945 durchaus gerne gesehen, wenn man sich in den jeweiligen Ländern an den ausgesprochenen wie unausgesprochenen Vorgaben aus dem Kreml in Moskau ausrichtete, eben daraus resultierte aber weder ein Mix der Kulturen (man bedenke das sozialistische Einheitsgrau), schon gar der Rassen, womöglich noch jenseits der Spezies des Homo Sapiens. Wir haben es wohl mit einer übersprunghandlung des Herrn Waszczykowski zu tun, der aus der Erfahrung des Umbruchs nach 1989 Verknüpfungen herzustellen versucht, die es so nicht gegeben hat und nicht geben kann.

Was aber hat der zweite Teil des Zitats mit dem ersten Teil zu tun? Sind Radfahrer Teil der Weltrevolution? Ist vegetarisch essen ein sodomistischer Akt? Oder ist Atheismus ein Vorstufe zum Kannibalismus? Und was wären denn nun die traditionellen polnischen Werte? Auch diese Fragen wollen wir noch zu ergründen versuchen, seien wir gespannt.

Stellen wir uns zunächst einmal vor, es stimmte, was Waszczykowski da sagt: Die europäische Welt wäre bestimmt von RadfahrerInnen, VegetarierInnen und die Energie wäre zu 100% aus erneuerbaren Quellen gespeist. Es ist schwer vorauszusagen, dass eine solche Welt unbedingt eine bessere als zuvor wäre, leichter dagegen ist es vorher zu sagen, dass die Welt gegenwärtig wohl auch nicht ganz ideal ist, wenn wir vom Ideal der Teilhabe aller Menschen und dem Erhalt ihrer basisgebenden Grundlagen der Natur ausgehen. Es scheint, als greife hier ein Abwehrreflex: Die Welt ist gut, so soll sie bleiben. Ja, das kann und darf man so sagen, wenn man das wirklich so sieht. Meine Frage wäre darauf: Wenn die Welt so gut ist, warum braucht es dann noch irgendeine Politik? Wegen der erneuerbaren Energien? Gut, es ist wirklich kein Geheimnis, das die Republik Polen in diesem Punkt noch nicht so extrem weit vorangekommen ist, allerdings wagt der Autor die kühne Behauptung, dass zum einen niemand dazu gezwungen werden kann, der es aus eigenem Antrieb nicht will und zum anderen die Erderwärmung, wenn sie so eintrifft wie prognostiziert, aller Voraussicht nach nicht an der Oder-Neisse-Grenze stoppen wird wie weiland die radioaktive Wolke aus Tschernobyl vor Frankreich.

Ganz ähnlich wäre es mit dem „Kampf gegen jede Religion“. Wenn wir postulieren, das sowohl VelocipistInnen als auch VegetarierInnen fröhlich dem Atheismus frönen, dann wird es natürlich sofort sonnenklar, warum die Kämpfer des IS/Daesh am liebsten mit einem Toyota Pickup mit aufmontiertem MG durch die Wüste fahren, um Menschen und Umwelt nach Strich und Faden zu terrorisieren und dahinzumetzeln. Andererseits kann man daraus natürlich ebenso die Frage entwickeln, warum es eigentlich überhaupt ein Problem sein soll, Menschen aus muslimisch geprägten Ländern aufzunehmen, wenn man doch selber „jede Religion“ eher begrüsst als überhaupt keine?

Schliesslich bleiben dann noch die „traditionellen polnischen Werte“. Was soll das sein? Nicht, dass es solch nutzlose Begrifflichkeiten in Deutschland und Europa allgemein nicht ebenfalls gäbe. Meist schwurbelt der Autor solcher „Wertediskussionen“ irgendwas von „Verfassung“ und „Pflichten statt Rechte“. Nehmen wir doch mal das, was man am ehesten festmachen kann, die Verfassung der Republik Polen. Wie so oft, stehen die Dinge dort etwas komplizierter drin, als wir es im praktischen Leben benennen würden, aber handfest ist es schon.

Präambel

„…alle Staatsbürger der Republik, sowohl diejenigen, die an Gott als die Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und des Schönen glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen, sondern diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten, wir alle, gleich an Rechten und Pflichten dem gemeinsamen Gut, Polen, gegenüber, in Dankbarkeit gegenüber unseren Vorfahren für ihre Arbeit, für ihren Kampf um die unter großen Opfern erlangte Unabhängigkeit, für die Kultur, die im christlichen Erbe des Volkes und in allgemeinen menschlichen Werten verwurzelt ist…Alle, die diese Verfassung zum Wohl der Dritten Republik anwenden werden, fordern wir auf, dabei die dem Menschen angeborene Würde, sein Recht auf Freiheit und seine Pflicht zur Solidarität mit anderen Menschen zu beachten, und diese Prinzipien als unverletzliche Grundlage der Republik Polen immer einzuhalten.“

Artikel 25

1.    Kirchen und andere Religionsgemeinschaften sind gleichberechtigt.

2.   Die öffentliche Gewalt in der Republik Polen wahrt die Unparteilichkeit in Angelegenheiten der religiösen, weltanschaulichen und philosophischen Anschauungen und gewährleistet die Freiheit, diese im öffentlichen Leben zu äußern.

3.    Die Beziehungen zwischen dem Staat und den Kirchen sowie anderen Religionsgemeinschaften werden unter Achtung ihres Selbstbestimmungsrechtes sowie gegenseitiger Unabhängigkeit eines jeden in seinem Gebiet, sowie des Zusammenwirkens zum Wohle des Menschen und der Gesellschaft gestaltet.

4.    Die Beziehungen zwischen der Republik Polen und der Katholischen Kirche werden von einem völkerrechtlichen Abkommen, das mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossen worden ist, und von Gesetzen bestimmt.

5.    Die Beziehungen zwischen der Republik Polen und anderen Kirchen sowie Religionsgemeinschaften werden durch Gesetze geregelt, die aufgrund von Abkommen verabschiedet werden, welche vom Ministerrat mit ihren zuständigen Vertretern abgeschlossen worden sind.

Artikel 53

1.    Gewissens- und Religionsfreiheit wird jedem gewährleistet.

6.    Niemand darf gezwungen werden, an religiösen Praktiken teilzunehmen. Niemand darf an der Teilnahme gehindert werden.

7.    Niemand darf durch die öffentliche Gewalt verpflichtet werden, seine Weltanschauung, seine religiösen Anschauungen oder seine Konfession zu offenbaren.

Artikel 74

1.    Die öffentliche Gewalt verfolgt eine Politik, die der gegenwärtigen und den kommenden Generationen ökologische Sicherheit gewährleistet.

2.    Der Umweltschutz ist die Pflicht der öffentlichen Gewalt.

3.    Jedermann hat das Recht auf Information über Zustand und Schutz der Umwelt.

4.    Die öffentliche Gewalt unterstützt die Tätigkeit der Staatsangehörigen zum Schutz und zur Verbesserung der Umwelt.

Artikel 82

Die Pflicht jedes polnischen Staatsbürgers ist die Treue zur Republik Polen und die Sorge um das gemeinsame Wohl.

Artikel 86

Jedermann ist zu sorgfältigem Umgang mit der Umwelt verpflichtet und trägt die Verantwortung für von ihm verursachte Verschlechterung ihres Zustandes.

 

Nun kann man ganz realpolitisch argumentieren, dass eine Verfassung nur ein Stück beschriebenes Papier ist. Jedoch sind wegen solcher und anderer „Fetzen Papier“ schon Weltkriege leichtsinnig ins Werk gesetzt worden. Halten wir also fest, dass der oberste Diplomat der dritten Republik nicht nur öffentliche Realitätsverweigerung betreibt und sich der allgemeinen Lächerlichkeit preisgibt, das ist sein gutes Recht, sondern ganz en passant Auftrag und Sinn seines Amtes und die der Verfassung in mindestens fünf Artikeln für überflüssig erklärt und versucht mittels selbst definierter „Werte“ diese an ihre Stelle und somit höher zu setzen.

Sowohl Teil Eins wie auch Teil Zwei des Zitats bezeugen zusammen ein Weltbild, wie es reaktionärer und nihilistischer nicht sein könnte und damit das genaue Gegenteil des Behaupteten repräsentiert. Als BürgerInnen und VerlofahrerInnen müssen wir für so viel Klarheit dankbar sein!

©Wikimedia Vielleicht trifft man sich ja hier einmal?

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Vielleicht trifft man sich ja hier einmal?

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