Fahrrad-Monitor 2015

Der erscheint hochoffiziell alle zwei Jahre. Böswillige Menschen unter uns schreiben noch das Wort „widerwillig“ dazu, allein schon, weil das zuständige Ministerium für Darth Vader in digitaler oder bewegter aber immer behelmter Form, seinen Auftraggeberstatus ergänzt mit dem Hinweis „aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestages“ – heisst also umgangssprachlich: Ohne Parlamentsbeschluss würden wir so einen Sch**** niemals tun.

Das ist natürlich streng subjektiv und gemein. Und so wollen wir uns diese Studie auch ansehen. Studien gibt es ja für alles Mögliche und trotzdem kann man aus diesen Dingen politisch relevantes herauslesen, wenn man nur will. Schauen wir mal rein, in diese insgesamt 130 Seiten unterschiedlichen Gehalts.

Da ist z.B. die sog. „Kartoffelgrafik“ die gerne zur soziokulturellen Visualisierung von Fragestellungen genutzt wird.

©BMVI/Sinus, Man darf darüber streiten, aber so im Groben könnte man den Laden Bundesrepublik und auch Europa soziokulturell einteilen.

©BMVI/Sinus, Man darf darüber streiten, aber so im Groben könnte man den Laden Bundesrepublik und auch Europa soziokulturell einteilen.

 

Damit geht es dann auch mittenrein in die Befragung über die Leute und die Welt wie sie sie betrachten und vermutlich sogar ist.

©BMVI/Sinus

©BMVI/Sinus, In dieser Grafik sind die Kreise oben auch gesellschaftlich oben.

Es geht um die Nutzung der Verkehrsträger, Stand heute. Fällt was auf? Nun gut, es wird viele nicht überraschen, wenn man aus dieser Grafik den Schluss zieht, dass die Oberschicht eben zumeist mit dem KFZ sich fortbewegt, während das abgehängte Prekariat gucken soll wo es bleibt und demzufolge meist zu Fuss geht (gehen muss). Und die politisch mit jedem zweiten Wort beschworene „Mitte“ geht ebenfalls lieber zu Fuss als das Velo zu nutzen wofür es einmal erfunden wurde: Zur Fortbewegung. Nicht ganz dazu passend erscheint zumindest, wie viel angeblich die Kinder per Velo unterwegs sein sollen, aber diesen -scheinbaren oder tatsächlichen- Widerspruch aufzulösen führt an dieser Stelle zu weit, das ist Domäne der Sozialwissenschaftler.

©BMVI/Sinus, Diese zahlen zu glauben fällt schwer...

©BMVI/Sinus, Diese zahlen zu glauben fällt schwer…

Sagen wir mal, wenn wirklich so viele Kinder zumindest mehrmals die Woche zur Schule und Kindergarten unterwegs wären, dann müssten flächendeckend vor den Schulen im Land die Abstellanlagen überlaufen vor Velos. Das mag vereinzelt so sein, flächendeckend ist es aber bei weitem nicht so, das kann man auch im Quervergleich mit anderen Verkehrsmittelnutzungsstudien untermauern.

 

Die Nutzung des KFZ allgemein ist übrigens im wesentlichen nicht ans Alter der Befragten gebunden, wie die folgende Grafik sehr deutlich macht.

©BMVI/Sinus, Egal wie alt, mindestens 70% bevorzugen ein KFZ

©BMVI/Sinus, Egal wie alt, mindestens 70% bevorzugen ein KFZ

Ein deutlicheres Gefälle gibt es in der Nutzung von KFZ zwischen grossen und kleinen Städten, bzw. den ländlichen Regionen, das ist wirklich relevant. Anders gesagt: In der Stadt wird das Auto eher stehen gelassen, der ÖPV ist besser ausgebaut und die Entfernungen sind kürzer, da kommt auch mal öfter das Velo zum Einsatz.

©BMVI/Sinus, Je grösser die Stadt, desto weniger wird das KFZ genutzt

©BMVI/Sinus, Je grösser die Stadt, desto weniger wird das KFZ genutzt

Ein anderer interessanter Punkt ist, abseits äusserer Zwänge wie Entfernung oder Berufsbild die Frage, warum überhaupt ein Verkehrmittel gewählt oder nicht gewählt wird, also auch für Freizeitaktivitäten.

©BMVI/Sinus, Warum warum warum? Manchmal nicht so einfach.

©BMVI/Sinus, Warum warum warum? Manchmal nicht so einfach.

Erstaunlich ist doch, das satte 75% der befragten KFZ-Nutzer davon überzeugt zu sein scheinen, dass es sich um die schnellste Möglichkeit der Mobilität handelt. Dabei ist das v.a. in Grossstädten eine zumindest unterschiedlich empfundene Wahrnehmung.

Soweit zum Zustand der Dinge wie sie sind, soweit wir sie erfassen können. Es hilft nicht viel das zu beklagen, die Frage ist, wie wir etwas daraus entwickeln und auf welche Erwartungen wir dabei treffen. Deshalb ist der zweite Teil der Studie der deutlich interessantere.

Fangen wir mal mit der recht allgemein gehaltenen Grafik an, die sich mit den Hindernissen der Velonutzung v.a. für den Arbeitsweg beschäftigt. Machen wir ein Selbstexperiment an dieser Stelle. Wir überlegen uns -ohne Schummeln und vorher auf die Grafik zu schielen- was wohl der häufigste Grund ist. Vermutlich liegen wir alle daneben.

©BMVI/Sinus, "zu gefährlich" empfinden weniger als 15% der Befragten den Weg mit dem Velo zurück zu legen. Erstaunlich!

©BMVI/Sinus, „zu gefährlich“ empfinden weniger als 15% der Befragten den Weg mit dem Velo zurück zu legen. Erstaunlich!

Das ist wirklich erstaunlich. Nur 13% geben an, dass das Radfahren irgendwie als „zu gefährlich“ empfunden wird und man daher auch in Zukunft nicht mit dem Velo fahren möchte. Das sind genausoviel Personen, wie die die angeben, sie brauchen das KFZ primär aus beruflichen Gründen (denken Sie einmal genau über diese Zahl nach…). Den allermeisten Befragten ist der Weg schlichtweg zu weit, das sind mehr als zwei Drittel. Nun, die Angabe „zu weit“ ist selbstverständlich ein äusserst dehnbarer Begriff und dass sich die zweite Grafik rechts ausschliesslich damit beschäftigt zu fragen, was denn genau „zu gefährlich“ am Velofahren sei, wenn es doch weniger als ein Fünftel überhaupt als Grund angeben nicht zu fahren ist sicherlich ein sehr diskutabler Teil dieser Studie (und ihrer Auftraggeber).

Richtig interessant wird es aber bei der folgenden Grafik, die sich mit der Frage beschäftigt mit welchen Verkehrsmitteln sich die Befragten in Zukunft fortbewegen wollen.

©BMVI/Sinus, So sieht es aus im Schneckenhaus der Zukunft!

©BMVI/Sinus, So sieht es aus im Schneckenhaus der Zukunft!

Liebe VelofreundInnen, hier müssen wir alle einmal tief durchatmen! Es ist aber wohl so, zumindest bei den Befragten: 42% der sog. „Mitte“ wollen mehr Auto fahren in Zukunft! Lediglich beim vielgescholtenen Prekariat liegt dieser Wert unter 20% und ist sehr wahrscheinlich den Tatsachen der monetären Möglichkeiten geschuldet.

Wer auch immer behauptet, der Status des KFZ als führendes Mobilitätsmittel wäre gefährdet oder sinke bereits, möge sich diese Grafik an die Stirn tackern!

 

Dennoch nicht vergessen wollen wir, was die Befragten über mögliche Verbesserungen in puncto Radverkehr denken und wie sie auf die bisherige Politik in diesem Punkt blicken. Vorweg: Ist beides nicht erfreulich, gehört aber zur Realität.

©BMVI/Sinus, überraschungen? Eher wenige...

©BMVI/Sinus, überraschungen? Eher wenige…

Kurz gesagt: Was fehlt sind gute Wege, gut beleuchtet und brauchbare Abstellanlagen. Und egal wie man sich persönlich zu Radwegen stellt, die Befragten vermissen sie, hin oder her. Seit Jahren nichts Neues? Jaja, stimmt schon, aber bevor jetzt jemand denkt, dass das nur bei ihm oder ihr vor der Haustür besonders schlecht sei, der lese lieber noch einmal genau in dieser Karte.

©BMVI/Sinus, Nicht einmal EINE Dreikommanull, nicht einmal in den Bundesländern die sich selbst als "radfreundlich" bezeichnen.

©BMVI/Sinus, Nicht einmal EINE Dreikommanull, nicht einmal in den Bundesländern die sich selbst als „radfreundlich“ bezeichnen.

Es ist kein Staatsgeheimnis zu verraten, dass die Frage wie die Bundesregierung und ihr zuständiges Ministerium betrachtet wird, keineswegs mit besseren Noten beantwortet wird.

Zum Schluss noch ein wenig Schizophrenie. Einerseits glaubt mehr als die Hälfte der Befragten, dass die Radler -wenn sie könnten- ebenfalls lieber per KFZ unterwegs wären, andererseits finden über 70% das Radfahrer im Verkehr auf grund ihres Verhaltens einen Unsicherheitsfaktor darstellen.

©BMVI/Sinus, Die Antworten sind ein wenig widersprüchlich...

©BMVI/Sinus, Die Antworten sind ein wenig widersprüchlich…

Das muss man -genauso wie die anderen Antworten zu den Fragen in dieser Grafik- nicht völlig rational verstehen, es illustriert aber, das wir unser Recht auf freie Mobilität mittlerweile mit (romantischen) Vorstellungen überfrachten, die niemals für alle befriedigend erfüllt werden können.

Andererseits führt es natürlich zu einer Frage: Wenn wir schon selber kaum klar ausdrücken können, wie wir uns Mobilität im eigentlichen rationalen Sinn vorstellen, warum glauben wir dann, ein Ministerium könnte so etwas leisten? Im Gegenteil, man darf nicht zu Unrecht befürchten, dass etliche Menschen in diesem Ministerium diese Studie vortrefflich dazu zu nutzen verstehen alles so zu belassen wie es ist.

Natürlich, die Pressemeldung kann das so nicht sagen, aber wer es tatsächlich für nötig hält auf einen Radverkehrsetat von „über 100 Mio. Euro“ hinzuweisen, während der Gesamtetat bei 24,6 Mrd. Euro (!!!) liegt, der musste wohl sehr sehr lange suchen um überhaupt ein positives Faktum aus dem eigenen Haus ausfindig zu machen: http://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2016/017-barthle-fahrradmonitor-2015.html

 

p.s.: Gerade läuft noch der Bundeswettbewerb „Klimaschutz im Radverkehr“. Wer diesen Titel nicht nur grammatikalisch bedenklich findet liegt nicht völlig falsch.

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