Ist das Velo ein Armutsgefährt?

„Du hast doch ein Auto?!“ – Ja.
„Wieso fährst du mit dem Fahrrad?!“ – Weil es geht.

So oder so ähnlich sind so manche Dialoge die ich im Alltag führe und deren Sinnhaftigkeit oder Essenz mir bisweilen selbst verborgen bleibt. Bis mir eben einfiel: Fahrradfahrer = arm? Kann das sein? In der deutschen Grundsicherung –landläufig Hartz IV genannt– werden gut 24 Euro pro Monat für den Verkehr vorgesehen. Macht 288 Euro pro Jahr. Mit dieser Summe kann man definitiv kein Auto unterhalten, selbst wer –selbstbetrügerisch– nur das verbrauchte Benzin/Diesel dort einrechnet wird kaum damit hinkommen, wenn er oder sie damit wirklich mehr als eine Handvoll Kilometer im Jahr unterwegs ist. Ein Velo? Wer will denn sowas? Nun, das Problem, das sich hierbei auftut ist, dass Menschen mit sehr wenig Geld häufig auch keinen Zugang zum Wissen über die Welt die sie umgibt haben. Natürlich kann man für 24 Euro Bus- und Bahnfahrkarten kaufen, wirklich mobil ist man damit zumeist aber nicht und ein Abonnement einer Großstadt, selbst Reduzierung eingerechnet, wird meist zu teuer sein, wenn man wirklich ein wenig unterwegs sein will oder zumeist muss.

Also doch ein Velo? Es stimmt ja in der oberflächlichen Betrachtung, dass zunächst einmal Studenten mit dem Rad fahren und dann Leute die kein Geld haben für ein KFZ. Doch unter der subjektiv betrachteten Oberfläche ist mehr, wenn man hinschauen will. In deutschen Haushalten befinden sich etwa 72 Mio. Velos deren Durchschnittspreis bei etwa 500 Euro bei Neukauf liegt. Mehr Verbreitung haben vermutlich nur Mobiltelefone, bzw. Smartphones. In den Niederlanden, das nur als Anmerkung, liegt der Durchscnittspreis übrigens bei 844 Euro und während in Deutschland zumeist unter 1000 km im Durchschnitt p.a. verradelt werden, sind das bei den Nachbarn schon deutlich über 3000 km p.a. Irgendetwas läuft also anders und auch meine Heimatstadt ändert sich, langsam, aber doch. Mehr und mehr sehe ich Leute auf dem Velo, die zur Arbeit fahren und es ist keine schlecht bezahlte, einfach, damit sie ankommen in einer halbwegs vorhersehbaren Zeit. Und: Die Räder werden besser. Wurden sie früher zumeist nur vom Rost zusamengehalten, dafür aber auch nicht gestohlen, sieht man –neben den obligatorischen Pendlerbromptons– heute deutlich mehr Räder, deren Anschaffungswert eher über dem Durchschnittspreis anzusiedeln ist.

Bei vielen KFZ-FahrerInnen scheint das aber noch nicht angekommen zu sein. Klar, wer ein KFZ fährt gibt sowohl eine zumeist stolze Summe für die Anschaffung und für den Unterhalt aus. In Zahlen: Während der Autor und seine Familie die drei meist genutzen Räder mit ca. 600 Eur pro Jahr grosszügig in Schuss halten können (Werkstattkosten fallen zu selten an um sie gesondert auszuweisen), liegt der Betrag des familieneigenen KFZ bei gut 2000 Euro im Jahr, natürlich zzgl. verbrauchtem Kraftstoff. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Laufleistung des KFZ pro Jahr zwei bis drei Mal höher liegt, wird sich bei gleicher Kilometerleitung per Velo der Betrag nicht entsprechend linear erhöhen.

Die KFZ-Perspektive ist also insofern richtig: Man muss mehr Geld ausgeben, sowohl um es zu erwerben als auch um es möglichst lange nutzen zu können. Daraus aber umgekehrt abzuleiten, alle Menschen auf dem Velo müssten umgekehrt eher arm sein, ist ein soziales Konstrukt der Abwertung des sozialen Status der Umwelt, um umgekehrt den eigenen vor sich selbst (und anderen) aufzuwerten. Die wirklich Armen können teilweise froh sein, dass sie noch ein Velo haben, meist aber werden sie zu Fuss gehen. Ist noch billiger. Die Statuskonstruktion aber, wird sich so schnell nicht ändern.

©Lesseps, wikimedia - Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn, genauso hiess der Erfinder des Velos, er ist mittellos gestorben. Nehmen wir das nicht als Omen.

©Lesseps, wikimedia – Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn, genauso hiess der Erfinder des Velos, er ist mittellos gestorben. Nehmen wir das nicht als Omen.

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3 Antworten zu “Ist das Velo ein Armutsgefährt?

  1. Radfahren zu können ist Luxus pur! Zeitluxus vom Stress und Gesundheitsluxus für den Körper!

  2. Pingback: Luxus pur | Tausendkilometer·

  3. Interessanter Artikel. Auch für mich ist das tägliche Radfahren zur Arbeit ein Luxus, den ich nicht missen möchte. Die finanzielle Einsparung für einen sonst nötigen Zweitwagen nehme ich da gerne mit. Ganz zu schweigen von der eingesparten Luftverschmutzung, die viele KFZ-Fahrer mit der im Artikel beschriebenen Einstellung allzu leicht in Kauf nehmen.

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