Ist Mobilität ein Wert?

Seit der sog. „Neolithischen Revolution“ (die ein paar tausend Jahre andauerte…), ist der Mensch kein reiner Nomade, Jäger und Sammler mehr. Irgendwas davon ist aber immer noch vorhanden und will nicht so einfach aus dem Gencode und den Verhaltensweisen verschwinden.

©wikimedia.de - Die Ausbreitung der Spezies geschah nicht einfach so, sie wurde durch (eigenentwickelte) Faktoren begünstigt und war in diesem Sinne durchaus revolutionär

©wikimedia.de – Die Ausbreitung der Spezies geschah nicht einfach so, sie wurde durch (eigenentwickelte) Faktoren begünstigt und war in diesem Sinne durchaus revolutionär…

©http://www.iisg.nl - auch wenn zu heutigen Zeiten eher dieses Manuskript von Karl Marx mit dem Adjektiv "revolutionär" im Kopf verbunden ist.

©http://www.iisg.nl – …auch wenn zu heutigen Zeiten eher dieses Manuskript von Karl Marx mit dem Adjektiv „revolutionär“ im Kopf verbunden ist.

Immer sind wir irgendwie in Bewegung, zur Arbeit, zur Schule, vom Kind, zur Freizeit, zum Einkauf, zum Mailprogramm, zum nächsten Chat, fügen Sie hier einfach etwas ein, was Ihnen passend erscheint. Warum ist das so? Ist verbleiben an einem Ort einfach nicht gut für die Gesundheit? Naja, man könnte jetzt beliebig viele Quellen an den Haaren herbeiziehen für diese oder jene Theorie, letztlich bleibt es dabei, dass spätestens mit dem Einsetzen der Industriellen Revolution im 19. Jhd. die räumliche Mobilität des Menschen (und von Menschengruppen) zugenommen hat und das nicht nur aufgrund der schieren Verfielfachung der der Bevölkerungszahl. In der ersten Hälfte des 19. Jhd. entstanden die wesentlichen Transportmittel, die Vorläufer heutiger Velos und die Eisenbahn, die nicht mehr allein auf das Vorhandensein von Tieren angewiesen waren und deren Wege abseits natürlicher Begebenheiten verwirklicht werden konnten. In der 2. Hälfte des 19. Jhd. kam die Entwicklung des Kraftfahrzeugs hinzu. Seitdem gab und gibt es (erzwungene) Wanderungsbewegungen und eine Mobilität zwischen räumlich getrennten Sphären, zuvorderst „Arbeit“ und  „Freizeit“.

Gegenüber dem klassischen Mittelalter, wo nur wenige (und zumeist wohlhabende) Personen sich frei zwischen Herrschaftsgebieten bewegen konnten, war das zunächst ein klarer Vorteil, der Ernährung, Versorgung und Behausung ermöglichte, bzw. absicherte. Natürlich wurde auch im Altertum und im Mittelalter gereist, dabei ging es aber eher nicht um die touristische Besichtigung, sondern um Politik, Krieg, oder einer Beschreibung derselben. Und: Reisen war beschwerlich, denn ausser für militärische Zwecke wurden Strassen eher als „nice to have“ betrachtet, man musste also wenigstens über ein Pferd verfügen können, oder eine Kutsche bezahlen, oder die eigenen Füße benutzen.

©Sémhur, Wikimedia Commons - Zu Fuss reiste im 14 Jhd. Petrarca und bestieg dabei den Mont Ventoux, immer noch einer der Höhepunkte nahezu jeder Tour de France

©Sémhur, Wikimedia.de – Zu Fuss reiste im 14 Jhd. Petrarca und bestieg dabei den Mont Ventoux, immer noch einer der Höhepunkte nahezu jeder Tour de France, damals natürlich ohne jegliche Strassen oder Supermärkte!

Das alles veränderte sich erst recht nach 1945, aber schon in der ersten Hälfte des 20. Jhd. waren viel mehr Menschen in Bewegung, als bis 1800 für die meisten Menschen als „normal“ angesehen wurde. In der Gegenwart angekommen könnte man die Frage schon beinahe wieder umdrehen: Ist eigentlich irgendjemand noch nicht irgendwohin unterwegs? Das ist eine interessante Frage, denn wenn man sich ansieht, wer, wann, womit welche Wege zurücklegt und warum, dann ist diese Frage weit weniger weltfremd als sie scheint. Selbstverständlich, die Freiheit der Person, die das GG und andere europäische Verfassungen garantieren bedeuet auch sich räumlich möglichst ungehindert bewegen zu können und dagegen kann kein vernünftiger Mensch Einspruch erheben.

Natürlich, wir können das alles mit dem Psalm 37 über „Das scheinbare Glück der Gottlosen“ ein für allemal totschlagen, aber die Welt ist nun einmal so wie sie ist, die Leute sind unterwegs. Mittlerweile ist das unterwegs-sein nicht nur in den vorgeblich hochentwickelten Ländern weit mehr als ein sich bewegen von Punkt A nach Punkt B, sondern zumeist ein Erlebnis von zweifelhaftem Vergnügen. Wer immer jetzt denkt, bei ihm oder ihr sei es in dieser Hinsicht schlimmer als überall sonst, dem empfehle ich zwei Orte in Europa, die durchaus ein Referenzpunkt in dieser Hinsicht sind. Paris, der Place de la Concorde und Brüssel, der Rond-Point Robert Schumann, jeweils morgens gegen 9 Uhr.

 

Es gibt also nicht wenige Menschen, deren Mobilität nur unendliche Variationen von Stillstand oder allenfalls eine als mikroskopisch empfundene Fortbewegung, kennt. Was daran, das jeden Tag Millionen von Menschen in ganz Europa falsche Entscheidungen treffen, um sich von Punkt A nach Punkt B zu bewegen, soll wertvoll sein? Diese Frage ist bescheuert? Nein, sonst würde das kaum ein rational und normal intelligenter Mensch dieses tun, schon gar nicht massenhaft. Letztgültig wird man diese Frage nicht beantworten können, wenn man aber BüroarbeiterIn ist und ein wenig die Flurgespräche noch einmal im Kopf Revue passieren lässt, dann fällt auffallend oft der Satz „Der Verkehr heute war mal wieder die Hölle!“ Verkehr ist einfach, ein Naturereignis. Ohne jetzt in semantische Haarspaltereien eines Germanistikseminars abzugleiten, das ist der begriffliche Unterschied zur Mobilität. Verkehr ist das was jetzt gerade ist, Mobilität umfasst jedoch weit mehr.

©UBA

©UBA, Schauen wir noch einmal auf das Titelbild dieses Beitrags: Eine wirklkich kluge Mobilität zu gestalten ist nicht völlig unmöglich, bedeutet aber den Abschied von vielen liebgewonnen Gewohnheiten.

Mobilität bedeutet rationell, schnell und entspannt für alle (!) Beteiligten von einem Punkt zum nächsten zu kommen. Das schliesst kein Verkehrsmittel perse aus. Es stellt in dieser Form allerdings die radikale und höchst unangenehme Frage, warum wir das tun, was wir tun. Anders gesagt, wenn wir Kultur definieren als das was der Mensch tut, was ein Tier eben nicht tut, also etwas scheinbar sinnloses, nicht zwingend überlebensnotwendiges, dann kann man auch Mobilität zumindest in Teilen als Kulturhandlung begreifen. Damit aber wird erklärlich, dass so viele Individuen auf einmal eine identische und irrationale Entscheidung treffen, um eine Strecke räumlich zu überbrücken. Diesem Verständnis kann man nicht mit einer Unterscheidung zwischen Hoch- (E-) und Alltags- (U-)kultur beikommen und schon gar nicht mit rationalen Argumentationen oder Wissenschaft. Das einzige was hilft ist eine positiv gefärbte Gegenkultur.

Mobilität ist somit im engeren juristischen Sinne eine Folge der Freiheit der Person, in der alltäglichen Ausprägung aber trägt sie gegenwärtig deutliche Züge einer Kulturhandlung, deren Wiederholung eine tägliche Rückversicherung der Bedeutung und Verankerung symbolisiert. Sie ist insofern ein Wert, dessen Bedeutung und Stellung für eine Gesellschaft verhandel- und veränderbar ist. Das ist die Aufgabe. Anfangen!

Advertisements

2 Antworten zu “Ist Mobilität ein Wert?

  1. Keine leichte Kost, aber: danke! Das Fazit lautet also „Nachdenken vor dem Losfahren/gehen, aber nicht kurz am Morgen oder am Abend, sondern mal gründlich und in Ruhe am Wochenende oder im Urlaub: wie bewege ich mich am Schlausten?“ und dann handeln.
    Oder?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.