Konkurrenzbeobachtung: Unfälle wohin man auch schaut

Nein, so richtig gibt es keine Konkurrenz unter den diversen Veloblogs, daher schaue ich ab und zu mal rechts und links, was es denn noch so gibt. Erstaunliches, so möchte ich es jetzt schon nennen. Eine Organisation die für ihren stillen aber effektiven Lobbyismus bekannt ist, der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. ist zum Beispiel so eine Organisation, der ich eine gewisse Gesetzheit, ja sogar Spießigkeit attestieren würde. Eigentlich.

Der GDV betreibt die Unfallforschung der Versicherer als eine Mischung aus anwendungsnaher Forschungseinheit und Datenfütterer für den jeweiligen politischen Spin. Deren Chef betreibt tatsächlich so etwas neumodisches wie den Neulandblog zu Verkehrsthemen, also auch zu Velos. Das Ganze ist überschrieben mit „Sicher im Straßenverkehr“ und wie immer, wenn man mit Menschen und Informationsaustausch zu tun hat, man lernt eine Menge beim lesen. Nehmen wir nur einmal den Beitrag „Abbiegen bei Rot für Radfahrer erlauben?“ – da kann kein VHS/ADFC/Uniseminarkurs mithalten. Ausgangspunkt für den Text war eine Sendung des WDR zur Frage, ob RadfahrerInnen generell auf der Straße unterwegs sein sollten und wie man dieses Miteinander der verschiedenen Fahrzeuge gestaltet.

Selbst wenn vieles in dem Text des Blogs ironisch gemeint und überspitzt ist (unabhängig von den tatsächlichen Gegebenheiten und der Radiosendung selbst), dann ist man doch freudig erstaunt wie jemand, der an und für sich der sowohl besser verdienenden wie auch besser nachdenkenden Klasse zugerechnet werden darf, sich nicht zu schade ist für ein paar sehr platte Klischees aus der wirklich hinterletzten Velograbbelkiste.

 

Bereit für eine kleine Textexkursion? Gut, fangen wir an mit dem was ist und da gleich mit dem ersten Satz.

Zitat: „Radfahrer sind ja schon längst keine Minderheit mehr, die sich nicht Gehör verschaffen kann. Ganz im Gegenteil sind viele Stellen in Planungsbehörden und in Redaktionsstuben längst mit aktiven Radfahrern besetzt.“

Ist das so? Nun, nicht nur mit diesem Beitrag stellt sich die Frage, in welcher Stadt oder gar welchem Land der Autor sich gerade befindet. Radfahrer und Fußgänger machen auf dem Weg zur Arbeit allenfalls 25% der Verkehrsleistung aus. Zusammen! Das ist die Zahl inklusive grösserer Städte, wohlgemerkt. Die übergroße Zahl der Berufspendler bewältigt ihren mehr oder weniger kurzen Weg zur Arbeit mit dem PKW, danach kommt die schon deutlich kleinere Gruppe der ÖPV-Nutzer und irgendwann dann eben der Rest. Selbst wenn der subjektive Eindruck zuträfe, dass in den letzten Jahren der Anteil der VelocipistInnen an der Verkehrsleistung in den Städten zugenommen hat, bis zur Mehrheit ist es noch ein sehr sehr langer Weg. Vermtlich ohne benutzungspflichtigen Radweg.

Etwas anderes ist natürlich die medial vermittelte Wahrnehmung. Nun, die kann ja sehr deutlich verzerrt sein, wie nicht nur dieser Beitrag nicht müde wird zu betonen. Man sollte also etwas vorzuweisen haben, im Unisprech sagt man gerne „entweder quantitativ oder qualitativ analysieren“. Ein Verweis auf verschwörungstheoretisch abgesprochen agierende Planungsbehörden (welche?) oder „Redaktionsstuben“ (wird das der bürgerlich-vornehme Begriff zur Distinktionsabgrenzung gegenüber der pöbelnden Pegida-Lügenpresse?) ist nur sprachliches Geschwurbel, wenn man weder das Eine noch das Andere hat. Dabei leben die bei der Versicherung doch angeblich von Daten? Naja, vielleicht ein Heuhafen-Nadel-Problem, oder man findet die Nadel im Heuhaufen nicht schneller, nur weil man den (Daten)Haufen grösser macht.

 

Nunja, lassen wir das einfach so stehen. Denn danach kriegt der Text eine Wendung verpasst, er stürzt sich auf ein Detail, dessen Nebensächlichkeit sich erst allmählich erschliesst: „Letzteres ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass eine solche Debatte über Verhaltensfragen nicht in Gang kommt, aber auf der anderen Seite für andere Verkehrsteilnehmer sicherheitskritische Vorschläge wohlwollend aufgenommen werden. Und dazu zählt für mich der Vorschlag, dass Radfahrer bei Rot abbiegen dürfen oder, in der verschärften Form, das Rotlicht insgesamt als „Vorfahrt achten“ interpretieren dürfen.“

Wie jetzt? Geht es um einen Abbiegepfeil oder eine Verhaltensfrage? Der Abbiegepfeil „nur für RadlerInnen“ wäre ja eine Rechtsnorm, eine Verhaltensfrage ist aber eben das nicht (immer). Anders gesagt: Nur weil das STGB oder die 10 Gebote besagen „du sollst nicht töten“ halten sich sofort und unter allen Umständer immer alle Menschen daran. Ist zumindest meine bescheidene Erfahrung. Dennoch kann und darf man mit Fug und Recht behaupten, dass die meisten Menschen in Europa sich rechtschaffend verhalten, also weder im enegeren noch im übertragenen Sinne, Mörder sind. Verhaltensfragen behandeln also etwas, dass vielleicht erwünscht ist, dessen Einhaltung man aber nicht wirklich einklagen kann. Ein Autor in dieser herausgehobenen Stellung sollte das wissen.

 

Vielleicht aber, geht es ja doch um etwas anderes. Die Diskussion Für und Wider diese Abbiegepfeile, wie es sie ja ebenfalls für motorisierten Verkehr gibt, wiederhole ich an dieser Stelle nicht, denn der interessante Satz ist dieser: „Kein Problem haben sie aber offensichtlich, sich Vorteile zu Lasten noch schwächerer Verkehrsteilnehmer zu verschaffen.“

Darum geht es also! Wir VelofahrerInnen sind also rücksichtslose Rabauken, die sich ihr schlechtes Benehmen mittels devoter, radfahrerfreundlicher Rechtssetzung auch noch legalisieren und belohnen lassen wollen! Wow! Das ist mir bisher gar nicht bekannt, dass das Ministerium für Darth Vader und andere extraterrestrische Vorkommnisse sich derart um uns kümmert! Bei so viel Zuwendung fühle ich mich jetzt schon persönlich ein wenig geschmeichelt.

 

Dann kommt das Finale, mit grossem Orchester und den sprichwörtlichen Pauken und Trompeten, Beethovens Neunte ist Schlafmusik dagegen: „Den Umgang von Radfahren mit Fußgängern kann jeder auch mal an Zebrastreifen beobachten. Habe ich noch nie erlebt, dass Radfahrer für Fußgänger halten. Mal ganz abgesehen von dem Verhalten beim Befahren der Gehwege. Ich finde es daher an der Zeit, dass hier mal Klartext gesprochen wird. Es ist ja sicher verständlich und schön, dass man mit dem Rad zügig fortkommen möchte und jedes Bremsmanöver Zeit und Kraft kostet. Aber das rechtfertigt nicht die Aneignung des gesamten Verkehrsraums zu Lasten von allen Fußgängern, von Behinderten und Kindern. Und ganz sicher sollten wir nicht auch noch die StVO ändern, um das zu legalisieren.“

Auch hier, belastbare Zahlen fehlen, Links ebenfalls, nur die subjektive Perspektive zählt. Es stimmt natürlich, es gibt Unfälle zwischen Fußgängern und Radfahrern, die können sogar tödlich enden – für die Radfahrer. Und genauso stimmt es, das Radfahrer Gehwege befahren, Berlins Verkehrssenator gibt das sogar öffentlich zu. Und warum? Natürlich nur aus Bosheit, was denn sonst!? Nun, zum einen sollte man bedenken, dass Kinder erst ab einem bestimmten Alter auf der Straße fahren dürfen. Und die Eltern? Tja, da macht sich die STVO einen schlanken Schuh, erst in der nächsten Novelle wird es Eltern erlaubt sein, ebenfalls auf dem Gehweg zu fahren. Zum anderen liefert der Herr Senator aus Berlin das besten Beispiel, sich zu fragen, warum die Tatsachen so sind wie sie sind. Wenn die Infrastruktur RadlerInnen nicht unterstützt, sondern sogar gefährdet, dann tun wir etwas sehr menschliches: Wir versuchen uns der gefährlichen Situation zu entziehen. Das kann man natürlich als Verhaltensfrage bezeichnen, ein denkender Mensch sollte daraus aber eher eine Frage der Planung und des politischen Willens machen.

Stattdessen will hier mal wieder jemand „Klartext“ reden. Ja nun, tun wir das: Die meisten RadfahrerInnen sterben bei Unfällen die von KFZ verursacht werden, zumeist beim rechtsabbiegen. Den meisten Verkehrsraum in Quadratkilometern sowohl für bewegten als auch für ruhenden Verkehr, beanspruchen KFZ für sich. Und zwar zu Lasten der genannten Fußgänger, Behinderten und Kindern (und den RadlerInnen sowieso). Diese Zahlen erhebt im Übrigen zum Teil auch das UDV, kann man alles auf deren Website finden. Zum Schluß wünscht sich der Autor, dass RadlerInnen die bei Rot abbiegen wenigstens bestraft werden wie AutofahrerInnen die bewußt eine rote Ampel überfahren. Nun, man kann von mir aus die Polizei alles Mögliche und Unmögliche kontrollieren lassen, aus einer –wie man so schön sagt– zuverlässigen Quelle, nämlich dem Mund eines echten Polizisten, habe ich mir berichten lassen, dass das bereits der Fall ist. Der Autor fordert also etwas, dass es bereits gibt! Jetzt fehlt nur noch das wirklichkeitsfremde Gebrabbel vom „Krieg“ und der Klischeetopf kocht über!

Nun, was macht man, nachdem man so etwas gelesen hat? Gelesen, gelacht, gelocht? Das ist ein bisweilen nützlicher Dreisatz des Berufsbeamtentums. Vielleicht zeigt es auch nur, dass selbst bei Quellen, die bisweilen auch mal nützliche Daten für RadlerInnen liefern, nicht immer die hellsten Köpfe dahinter sitzen. Dieser hier sicher nicht. Übrigens, den Beitrag des gleichen Autors über die Kolumne einer Berliner Zeitung über das Radfahren müssen Sie selber lesen, ich erspare das Ihnen an dieser Stelle.

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