Familie hat man…

…Freunde kann man sich aussuchen, sagt der Volksmund. Die Kollegin Christine Lehmann hat dabei einen Teil des Radler- und Familienlebens beleuchtet, der gerne für Diskussionen zu haben ist, die ganze Abende füllen können. Mit oder ohne Kind radfahren?

Interessanterweise wird hierbei v.a. der Blick auf das Radeln mit Kindern in der Freizeit gerichtet. Das ist das, was die meisten Familien auch tun und warum die überwiegende Mehrheit der Kinder ein Velo daheim hat.

Warum aber fahren so wenige Kinder mit dem Velo ihren täglichen Weg, also v.a. den Weg zur Schule? Selbst im Königreich der freien Schulwahl (Artikel 24), wo man wirklich jede nur erdenkliche Schule sich aussuchen darf und der Busverkehr der Kinder einsammelt zu den Schulen entsprechend dicht ist, gehen trotzdem die meisten Kinder auf eine Schule die räumlich eher nah am Wohnort platziert ist. Das sind üblicherweise Entfernungen von 1-5 km, meist sogar noch darunter, gerade bei Grundschülern.

Beweise? Siehe: https://www.statistik.sachsen.de/download/300_Voe-Zeitschrift/2010_2_A_41bis45_Puschmann_int.pdf (Seite 44)

Weiterhin kann man aus dieser Statistik gut ablesen, in welchem Masse der PKW-Verkehr zugenommen hat und analog dazu die Nutzung des Velos für den Schulweg abgenommen. Zufall? Selbst wenn wir den „Osteffekt“ aus dem Bundesland Sachsen vor und nach der Wende rausrechnen, der Trend ist in den alten Bundesländer nicht wirklich anders, der Zeitraum ist länger, indem man diese Effekte beobachten kann.

Hauptsache sicher!

Mit diesem Adjektiv kann man fast alles totschlagen. Natürlich gibt es eine amtliche  Bestimmung für „besonders gefährlich Schulwege“, das sog. „Schulwegkostenfreiheitsgesetz“ (echt!). Doch egal was dort wie bestimmt ist, es finden sich immer Eltern, die den Weg gerade ihrer Kinder zur Schule als subjektiv besonders gefährlich empfinden. Meist wird die Lösung öpnv zu diesem Zweck bemüht um eine Lösung herbei zu führen. Je nach Bundesland machen Schüler bis zu 80% der regelmässigen Fahrgäste im öpnv aus. Da aber zugleich der Anteil der PKWs am Schulweg weiter steigt, ohne dass sich im tatsächlich gleichen Masse die Wege enorm verlängert haben, gibt es eben den zweiten Effekt (gerade bei Gutverdienern), dass die Kindern mit dem KFZ der Eltern zur Schule gebracht werden. Parallel dazu ist der Anteil von Kindern, die per Velo zur Schule fahren auf einen schon fast mikroskopisch kleinen Anteil gefallen. Selbst im wohlhabenden und verkehrberuhigtem Wohnviertel der kleinen Hauptstadt kommt sicherlich ein gutes Drittel der Kinder per PKW an, ein Grossteil zu Fuss und kaum jemand per Velo, selbst im Sommer sind es kaum ein Dutzend, bei fast 500 SchülerInnen!

Gibt es dafür Gründe? Natürlich. Fast an jeder Ecke wird erwähnt (ADAC u.a.), dass fast 50% der Kinder die einen Unfall zum Schulweg hatten, mit dem Rad fuhren. Weniger oft wird dazu erwähnt, dass das zuerst die Schüler älter als 10-12 Jahren betrifft und noch weniger, dass das keinesfalls das Problem der Kinder sein kann, sondern zuerst und immer das Problem der KFZ-LenkerInnen ist und bleibt. Böswillig gesagt, fahren in einer Schule 4 Kinder mit dem Velo ihren Schulweg und verunfallen davon 2 ist das natürlich 50%. Für viele Eltern ist das aber zuviel. Folgen wir  für einen Satz Foucaults Theorie der Selbsttechnologie: Befreiung von Fremdsteuerung durch Unterwerfung unter Eigensteuerung.

Merken Sie was? Wenn das Kind radelt -egal ob mit ihnen oder ohne Sie- dann sind Sie der Fremdsteuerung durch andere, meistens den PKW-Lenkern, unterworfen. Unterwefen Sie sich (selbst), indem sie den eigenen PKW nehmen und die Kinder zur Schule fahren, gibt es Ihnen das Gefühl der Kontrolle und Steuerbarkeit zurück, subjektiv zumindest.

Dagegen kann man kaum argumentieren (schon gar nicht rational) und ich werde bis heute gefragt, ob denn der Weg mit meinem Kind zur Schule nicht doch irgendwie „gefährlich“ sei. In den fast vier Jahren, die wir diese Schule ansteuern wurden wir manches Mal angehupt, angepöbelt, geschnitten, Vorfahrt genommen, ausgebremst – das ganze Programm ordnungswidrigen und sogar strafbaren Verhaltens. Trotzdem: Kein Unfall bisher. Selbst dann nicht, wenn der kleine Mann alleine unterwegs ist. In der gleichen Zeit konnte man auf dem gleichen Weg ein paar Dutzend KFZ-Unfälle unterschiedlicher Schwere beobachten.

Im Kern ist es also irrational, wenn Eltern Abhilfe bei gefährlichen Schulwegen fordern. Trotzdem tun sie es.

Kommen wir mal zum unappetitlichen Teil des Ganzen. Bis in die jüngste Gegenwart hält sich das hartnäckige Klischee, dass auf dem Land ein Auto genauso dazu gehört wie der Bauer der seine Gülle auf die Felder ausbringt, Nitratwerte hin oder her. Wenn wir einmal aus diesem Satz eine feststehende Regel machen, dann leben ziemlich viele Menschen nach meiner subjektiven Wahrnehmung ziemlich weit draussen auf dem Land. Sogar dann, wenn sie ganz klar im Reichsregister aufgenommen sind mit einem Wohnsitz innerhalb des „Hoofdstedelijk Gewest“. Was aber wohl kaum jemand bedenkt, wenn er sein Auto zur Schulkutsche seiner Kinder macht: Autos emittieren nicht nur Schadstoffe per Abgas nach aussen, sondern die Schadstoffe finden sich genauso im Innenraum und werden fleissig von allen Insassen konsumiert. Quatsch mit Sosse? Wofür habe ich dann eine Büffellederaustattung und die 16 Zonen Klimaanlage? Oder haben wieder irgendwelche Umweltfuzzis Krümel einer Mücke gefunden und behaupten, die Dinosaurier pellen sich morgen wieder aus ihren Eiern?

Nun, lesen muss man das schon selbst: http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/chemie/20050900_chemie_schadstoffe_pkw.pdf

Egal wie man dazu steht: Astreine Gebirgsluft ist das wohl nicht. Wenn wir es negativer formulieren wollen: Selbst in Peking wäre es evtl. gesünder draussen zu radeln, als drinnen im Auto zu sitzen. Ganz so schlimm soll ja die Luft in den Städten in Europa nicht sein, nach allem was man so darüber wissen kann.

Darum üben wir uns weiter in der Deutung der fröhlichen Wissenschaft: Der ADAC, sicher unverdächtig der Förderung des Radverkehrs, hat auf seiner Website eine Statistik zu Unfällen mit Kindern im Strassenverkehr, (Kinder = unter 15 Jahre) demnach ist die Anzahl der Verunglückten zwischen PKW und Fahrrad relativ dicht beieinander, sogar recht konstant während der letzten 20 Jahre (!), jedoch werden im PKW deutlich mehr Kinder getötet als auf dem Velo, teilweise doppelt soviel! Während dieser Zeit ist der PKW-Bestand in Deutschland von 40 Mio. auf 43 Mio. KFZ gestiegen, während der Bevölkerungsanteil der <15 jährigen von 13 Mio. auf 10 Mio. gefallen ist. Nicht vergessen wollen wir zu erwähnen, dass die Anzahl der Getöteten im Busverkehr bei weitem nicht so abgenommen hat wie im Verhältnis zum Personenverkehr, diese Zahl war zwar schon immer deutlich niedriger, aber signifikante Verbesserungen haben fast nur im ausserörtlichen Verkehr stattgefunden.

Wer möchte kann all dies und mehr beim Statistischen Bundesamt nachlesen.

Wer, liebe Eltern, jetzt noch erzählen will „aber jedes verunfallte oder gar getötete Kind ist aber mindestens eins zuviel…“, dem möchte man doch gerne folgende Frage stellen: Macht es etwa einen Unterschied, ob das Kind auf dem Velo oder im (eigenen) PKW getötet oder verletzt wurde? Ist daran irgendwas besser oder schlechter oder wertvoller? Wollen wir ernsthaft auf diesem Niveau entscheiden? Und wenn ja, für was?

 

Liebe Eltern, „es gibt nichts Gutes ausser man tut es“, so hat es Erich Kästner weiland sehr zutreffend formuliert. Es mag praktisch, einfach und bequem sein, das Kind mit dem PKW zur Schule zu bringen und von dort wieder abzuholen. Mit ein wenig Abstand und Blick auf das (eigene) Tun und Lassen, ist es in den allermeisten Fällen blanker Unsinn.

Fahrt einfach! Mit Kind! Egal wohin, am besten jeden Tag und erst recht in die Schule!

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4 Antworten zu “Familie hat man…

  1. Der Beitrag hat mir sehr gefallen. Unsere Kinder sind von klein an, ab 4 bis 5 Jahren, immer im Alltag in der Großstadt mit dem Rad gefahren. Allerdings haben wir ihnen auch beigebracht, dass sie sich nie auf ihr Recht verlassen dürfen. Das hat geklappt.

  2. Ja das leidige Thema Sicherheit und dessen ja zumeist subjektiven Empfindens. Ich sehe die Sache mal so, wenn man sich immer in Watte packt, dann wird das nie was.
    Man sollte sich schon an gewisse Situationen herantasten, Alternativen suchen oder angepasste Verhaltensregeln.
    Leider wird ja hier in der BRD von offizieller Seite her nicht gerade sehr viel unternommen, oder nur dann wenn es werbewirksam eingesetzt werden kann, um alle Verkehrsteilnehmer mit Fahrzeugen in den Verkehr zu intergrieren. In meinen Augen der erste und wichtigste Schwachpunkt.

  3. Sagen wir mal, mit Blick von aussen: Es müssen nicht immer die grossen, genialen, utopischen Lösungen sein, wenn man die kleinen Dinge richtig zu machen versteht.

  4. An der Grundschule meiner Kinder ist der Fahrradständer auch nur schwach belegt, das liegt aber daran, daß die allermeisten Kinder zu Fuß kommen, sehr viele auch ohne Begleitung ihrer Eltern.
    Wir wohnen in einem hochverdichteten Innenstadtviertel mit überwiegend nicht wohlhabender Bevölkerung. Durch die Dichte an alltagsnotwendigen Einrichtungen lohnt es sich bei den täglichen Wegen i.d.R. nicht, das Rad abzuschließen – nicht zuletzt wegen der Knappheit an Fahrrad-Parkmöglichkeiten. Auch die Aktivitäten der Kinder wie Kurse, Musikschule, Freunde besuchen usw. – geht alles am besten zu Fuß. Fahrrad fahren mit den Kindern findet bei uns v.a. für Ausflüge zu einem beliebten Park (8km eine Richtung), reine Radausfahrten und mit dem jährlichen Radurlaub (mit der Bahn aus der Stadt raus, Fernradwege abfahren) statt.
    Das nur als Ergänzung und zur Aufweitung der Perspektive, denn in der Diskussion über Schulwege kommt diese Option kaum vor. Ich vermute aber, daß unsere Schule nicht die einzige im Land mit überwiegend zu Fuß kommenden Kindern ist, sondern daß es das auch in strukturell ähnlichen Quartieren gibt.
    Ich bin selber in meiner Schulzeit in einer Kleinstadt in den 1980/1990ern fast immer zu Fuß zur Schule (POS, später Gymnasium) gegangen (>1km), manchmal mit dem Rad gefahren. Vielleicht hilft das ja, es den Kindern auch zuzutrauen. Schon damals an der POS habe ich übrigens nicht verstanden, warum Lehrer ihre PKW und Fahrräder auf dem Schulhof parken durften, Schüler ihre Räder aber nicht.

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