Testosteronmangel

Scheint eine unter AutofahrerInnen erstaunlich verbreitete Krankheit zu sein. Das wusste ich bisher gar nicht, aber dank der Kraft der Aufklärung durch Werbung habe ich es jetzt ganz zweifelsfrei erfahren dürfen.

©Mini

©Mini

Immer mal wieder sieht man dieses Motiv, gedruckt oder online, ist ja auch egal wie und wo genau. Erstaunlich finde ich, wieviel Gründe jemand angeblich zusammen bekommt, um nicht mit dem ÖPV (Öffentlicher Personenverkehr) mobil zu sein. Nun, wenn ich mir Mühe gebe, dann fallen mir vielleicht 2-12 Gründe ein, mehr brauche ich aber nicht. Denn ich fahre trotzdem ÖPV. Die Metro fährt unterirdisch zum Zentralbahnhof, so schnell ist keiner, der nicht die bisher bekannten Theoreme der Physik widerlegen will. Und von dort in unter 2 Stunden nach Köln, das habe ich noch zu keiner Tages- oder Nachtzeit mit einem PKW geschafft, zumindest wenn man noch einen letzten Respekt vor Verkehrsregeln hat. Von der Frage, wie man denn mit einem PKW Island, Australien oder die USA erreichen will, sehen wir einfach mal ab, auch Flugverkehr ist durchaus ÖPV, egal was wir sonst davon halten.

Bevor mich jemand gleich zum weltfremden Asketen erklärt: Ich fahre auch einen PKW, der gehört mir sogar und ja, kann auch Spaß machen. Dagegen ist nix zu sagen. Meine Erfahrung mit Stadtverkehr aus mehreren Ländern sagt mir allerdings gleichermaßen: Im Innenstadtverkehr ist das Auto zu 80-90% die schlechteste Wahl. Zumindest wenn es darum geht in vertretbarer Zeit ein nahes Ziel (bis 10 km) zu erreichen. Dass der Bus oder die Tram auch nicht schneller sind, liegt zum Teil daran, dass die vielen individuellen Fehlentscheidungen für das Auto als Mobilitätsmittel dazu führen, dass der ÖPV-Träger im gleichen Stau steckt, denn der Platz in der Innenstadt ist eben nicht unendlich erweiterbar. Jetzt will mir also diese Anzeige ernsthaft weismachen, dass ich viel besser im eigenen PKW untergebracht wäre? Oder will sie etwa daraus hinaus, dass es viel toller ist mit dem eigenen KFZ über die Autobahn zu brausen, anstatt mit einem Fernbus? Subjektiv mag das so sein, kostentechnisch ist es auf keinen Fall so, der Bus wird noch für sehr lange Zeit sehr viel günstiger bleiben. Schneller als der Bus wäre es aber schon? Vielleicht. Ganz vielleicht. Die Autobahnen ohne Tempolimit trägt man zwar gerne wie eine katholische Monstranz vor sich her, aber realistisch gesprochen ist ihre Verbreitung gering und wirklich im Sinne der STVO ausnutzen kann ich das tagsüber praktisch nie, oder sagen wir mal: Heiligabend am späten Nachmittag. Da in meinem PKW ein Durchschnittsrechner für meine Geschwindigkeit eingebaut ist, kann ich dort sehr einfach ablesen: Selbst bei 20 km/h höherer Geschwindigkeit muss ich diese wenigstens 2-3 Stunden ohne Pause (!!!) durchhalten, damit ein wirklich nennenswerter Vorsprung jenseits einer Viertelstunde herausspringt!

Die Werbeagentur, ein Reservat das ich auch einmal bewohnt habe, möchte also individuelle Mobilität anpreisen. Mit scheinbar „frechen“ Sprüchen. Nun, es ist ja auch ein Elend mit dem „richtigen“ Leben, keine Firma in Europa aus der Fahrradindustrie nimmt für Werbung so viel Geld in die Hand, wie es Mini tut. Und ob es der Marktführer aus Osaka damit aufnehmen kann, wage ich zu bezweifeln. Letztlich muss auch eine Werbeagentur von irgendwas leben. Das stimmt schon. Trotzdem hat Arbeit auch immer was mit Personen und ihren soziokulturellen Vorstellungen zu tun und von daher darf man schon ein wenig annehmen, dass die auch meinen was sie sagen und auf ihrer Seite auch selbst veröffentlichen:

©Sassenbach.de

©Sassenbach.de

Ehrlich gesagt, was ich als Zweijähriger gelernt habe oder nicht, daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern und meine Eltern frage ich nicht, die hatten mit sechs Kindern daheim auch noch ein paar andere Sorgen. Ganz in echt. Trotzdem schön, für den Zitatgeber, dass er das kann. Einfach aus Neugier habe ich mich noch ein wenig auf der Miniseite umgeschaut und beim Mini-Shop etwas hübsches gefunden, das genau zum Rest passt:

©Mini

©Mini

Da steht wirklich: „Die Stadt gehört uns.“ Na Glückwunsch! Dann ziehe ich lieber um.

Getz ma in echt, liebe Werber: Stellt euch das mal nur für die Stadt München vor, in der ihr wohnt. Wenn aller Platz den Autos und ihren LenkerInnen frei geräumt werden muss. Das soll lebenswert sein? Die Stadt der Zukunft? Schön sogar? Das glaubt ihr doch selber nicht! Das hatten wir im übrigen schon als Idee, die „autogerechte“ Stadt. Ich lebe in einer solchen und kann aus ganz subjektiver Beobachtung konstatieren: Funktioniert nicht. Selbst die versammelten Regierungschefs kommen trotz Blaulicht und Eskorte zur Hauptverkehrszeit kaum einen Funken schneller voran als alle anderen Individualmotorisierten. Es sind zuviele Fahrzeuge auf dem vorhandenen und definitiv endlichen Raum. Nein, halt! Es gibt sie noch die guten Dinge und die wirklich leeren Autobahnen, hier:

©Tourismusagentur Nordkorea

©Tourismusagentur Nordkorea

Das Werbung nicht einlöst was sie verspricht, ja gut, das kennen wir, dass sie aber versucht derart kontrafaktisch eine absolut irrsinnige Wirklichkeit mit dem Etikett „modern“ auszustatten hat etwas von einer Tragikkomödie, nur das ihre Urheber sie nicht verstehen werden (wollen). Interessanterweise fand ja gerade Internationale Eselaustellung (IAA) statt mit einem größeren Anteil (E-) Fahrrädern…

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6 Antworten zu “Testosteronmangel

  1. Ist schon krank, die Autowerbung. Aber kaum einer merkt was davon, weil das Auto ein komplett integrierter Bestandteil unserer Alltagskultur ist (siehe den Text vom Texter…), so dass man mit achtzehn Jahren natürlich reflexartig und unhinterfragt ein Auto kauft. Wofür? Wozu? Was sollen die Fragen? Ich getrau mich inzwischen schon nicht mehr, jemandem zu gestehen, dass ich kein Auto habe. Damit würde ich mich in mancher Runde als Irrer outen und könnte genauso gut den Raum verlassen…

    • Meine Eltern haben beide nichtmal einen Führerschein…….ich finde es aber interessant wie wider besseren Wissens Klischees zu Tode geritten werden und man damit sogar noch Geld verdienen kann…..

  2. …wobei dann auch in der MINI-Werbung totgschwiegen wird, das vom ursprünglichen Gedankengut des Ursprungentwicklers Alec Issigonis, ein kleines bezahlbares Auto zu bauen nichts, aber auch wirklich gar nichts übrig geblieben ist.

    On Top, es war nicht mal die Absicht da wieder einzusteigen, sondern man wollte nur auf „chic“.

    • Ein E-Mini? Wäre schon mal ein Schritt….Die BMW C1 in E-Version? Dafür würden manche heulen…Es ist ja nicht so, dass Individualverkehr von heute auf morgen abzuschaffen ist, es wird nur viel zu viel Gadgetmanie als Innovation verkauft, während andere echte Innovation nicht den Markt erreicht. Es scheint aber auch das zu sein, was die meisten Käufer wollen, wenn man sich die Strassen anschaut…

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