Die Revolution ist grossartig…

…alles andere ist Quark!

(Rosa Luxemburg) Nur weil man sie nicht sofort sieht und hört und ihr Blut riechen kann, heisst es nicht, dass es keine Revolution (mehr) gibt. Die kleine Hauptstadt zwischen Leuven und Gent hat eine solche still und leise kurz vor den Sommerferien erlebt. Mitten in der Stadt, weshalb man weiter ausserhalb zunächst davon wenig bemerkt, bis auf ein Schild.

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Dieses Schild hat mich neugierig gemacht. Bisher ist es so, dass die Innenstadt ein füneckiges Tal durch das die Zenne läuft, die aber schon seit dem 19 Jhd. komplett überbaut ist, nahezu vollständig mit dem Auto befahren werden kann. Der Boulevard Anspach teilt dieses Fünfeck mittels Verkehr einmal in zwei Teile, früher war so etwas ähnliches auch der Sinn eines Boulevard. Verkehr ist in diesem Sinne in erster Linie identisch mit Autoverkehr, vierspurig und zu Hauptverkehrszeiten eine Stehparty. Kein Durchkommen für Busse und selbst Polizei und Feuerwehr kommen kaum durch. Ein Anblick wie aus dem Lehrbuch wie man es nicht macht. Hier frisst die automobile Revolution nicht nur sprichwörtlich Kinder, sondern bildet durch ihre Immobilität das Sinnbild für die (selbst-)zerstörerische Potenz scheinbarer Wohlstands- und Glücksversprechen.

©SHHT

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Und jetzt? Tabula Rasa, alles auf Anfang? Nein, zu Anfang fuhr die Tram oberirdisch, wie man auf dem historischen Bild sehen kann. Heute fährt sie immer noch, unterirdisch und heisst Prémetro.

©Wikimedia Commons

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Jetzt sind dort nur noch Fussgänger, Radler und spielende Kinder. Man kann draussen sitzen vorm Café ohne sich ob des Höllenlärms anbrüllen zu müssen. Ein ebenso improvisierter wie radikaler Schnitt der ich dem Hoofdstedelijk Gewest bzw. der Stad van de lelie nicht zugetraut hätte.

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©MF Das Gebäude im Hintergrund ist das Gleiche wie im Staufoto oben

 

©MF

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Der Boulevard wird also wieder zurückgeführt auf seine Funktion aus dem späten 19. frühen 20 Jhd. Als Flaniermeile, Treffpunkt, sozialer Ort. Dabei organisieren sich Fussgänger und Fahrrad selbst. Einzig ein paar Bus- und Lieferzufahrten musste man offenhalten, ansonsten ist auf einigen hundert Metern Innenstadt nicht nur eine echte Veränderung festzustellen, sondern eine ganz andere Umgebung ist entstanden mit erstaunlich wenig Mitteln.

©MF

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Das auf diesem Foto zu sehende Motto „Fussgänger wird Köning“ ist hier natürlich goldrichtig. Passend dazu hat man in der Innenstadt ein paar Plakate aufgehangen, bei denen man eher nicht an mehrspurigen Automassenverkehr denken möchte. Sie dienen zwar dem Konsum und mutmasslich auch der Beruhigung der Geschäftsinhaber, aber das Herz der Stadt ist zu wichtig, als es von einer Blechlawine begraben zu lassen.

©MF

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p.s.: Diese Woche ist europäische Mobilitätswoche, was natürlich nicht heisst, dass sich alle in die Autos setzen und erproben wie schnell oder langsam sie vorankommen, sondern einfach ausprobieren was abseits dessen geht und wie komfortabel und schnell auch das sein kann. http://www.mobilityweek.eu

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