Das Rad erfinden, oder: über Standards

Standards? Normen? Gibt es da nicht was von Ratiopharm? Vielleicht ein Mittel gegen Kopfschmerzen, denn die kann man leicht bekommen, wenn man „am Rad dreht“ und andere es fortwährend neu zu erfinden versuchen.

Dabei ist das Rad schon vor gut 6000 Jahren erfunden worden und das Velo wie wir es heute kennen hat immerhin auch schon über 150 Jahre auf dem Buckel. Wie bereits der Modeartikel verdeutlicht hat, gibt es immer mal Dinge am Velo, die werden erfunden, kopiert, wiederholt, als „neu“ deklariert oder sind tatsächlich neu. Eben alles was Mode im Guten wie im Schlechten ausmacht.

Damit aber überhaupt etwas zusammengeht am Rad braucht es Standards, das Velo ist schliesslich keine runde Scheibe, sondern ein relativ komplexes mechanisches Gerät. Wir wollen die hier nicht alle aufzählen und nicht sammeln, das würde ein zu dickes Buch werden. Wir wollen vielmehr ein wenig aufklären, was wo zu finden ist und versuchen zu beleuchten, was warum so ist wie es ist und warum man manche Maße am Rad einfach in Zoll und andere wiederum in Millimetern angibt.

Was die Anpassung eines Rades an den Menschen angeht, da fassen wir uns kurz. Der menschliche Körper entzieht sich bis heute recht zuverlässig der mathematischen Vorausbeschreibung und damit auch der Standardisierung. Es muss also eine potenziell unendliche Anzahl an Grössen und Längen bei den Rahmen geben. Sonst gäbe es ja auch genauso wenig Massrahmen.

Bei vielem anderen stellt sich die Frage nach Standardisierung aber schon eher. Womit anfangen? Eigentlich egal, wir fangen mit irgendwas an. Mit den Rädern, zum Beispiel. Da gibt es ja nahezu alles, oder gab es zumindest und wurde dann wieder in die Versendkung entlassen. Obwohl, ganz ehrlich: Schon mal was von ETRTO gehört? Verstanden? Schon mal im Laden nach einem 700x35C Reifen gefragt? Einen 28″ Zoll Reifen in 37 mm Breite kennt jeder im Laden und außerhalb davon meist auch. Egal welche Grösse, jedeR hat eine Vorstellung von 18″, 20″, 26″ oder eben 29″, ganz egal um welches Rad es nun geht. Damit sind wir direkt beim Problem, wenn es Standards gibt: Man muss sie verstehen und dann auch benutzen.

Bevor jetzt jemand ruft: Tut ja sowieso keiner! mal ein kleiner Ausflug dahin, wo es (fast) funktioniert: Schrauben. Eine M5 ist eine M5 ist eine M5 ist…………………….halt! Vielleicht doch keine M5, sondern eine 3/16″? Das sind nur 0,2 mm Unterschied. Schlechter Witz? Für alle die sich jetzt ganz sicher auf europäischem Boden und geltender Normung nach metrischem System wähnen, möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, dass die meisten Pedalgewinde ein Maß von 9/16″ x 20 tpi aufweisen. Das ist metrisch? Mitnichten! Das ist Tradition, aber immerhin auch genormt. Fahrradketten beziehen sich ebenfalls auf Zollmaße, sowohl in der Breite, als auch in der Länge, die schon sehr lange als 1/2″ festgelegt ist.

Die Welt, sie ist nicht so, nicht so, sie ist auch anders, ganz anders und alles zugleich. Warum aber ist das so? Wie man in der Geschichte der Schraube nachlesen kann, gibt es Metallschrauben in halbwegs industrieller Produktion etwa seit der ersten Hälfte des 19 Jhd. Ebenso Schraubendreher. Eine Normung von Schrauben, also des Gewindes und des Kopfes mit Form und Fassung erfolgte aber erst im Laufe des WK II, damit die Alliierten ihr Material zur Kriegführung arbeitsteiliger und rationeller herstellen konnten. Seitdem ist die Normung der Schraube weit fortgeschritten, die Aufteilung in metrische und Zollschrauben aber geblieben. Das hat natürlich auch seine Gründe, mit dem Ort der Erfindungen zum Beispiel und an dieser Stelle führen wir das mal lieber nicht weiter, sonst liest das wieder keineR.

klare Norm: die Europalette

klare Norm: die Europalette

Während der ersten nahezu 100 Jahre der Existenz des sog. „safety bicycles“ wurden viele Maße festgelegt und schienen felsenfest für scheinbar ewig. Das stimmt natürlich in dieser Schlichtheit nicht so ganz, aber so richtig Bewegung in die Frage der „Norm“ –festgelegt oder nicht– kam mit der Verbreitung der Mountainbikes. Dieser Radtyp, auch das hängt wohl mit seiner überseeischen Herkunft zusammen, stellte so ziemlich alles in Frage, was bis dahin als „üblich“, „normal“ oder „genormt“ angesehen wurde. Auf einmal wurde andere Rohrdurchmesser beim Rahmen eingesetzt (zumeist größer), andere Durchmesser beim Vorbau und Lenker, schließlich sogar der Gabelschaft verändert und mit ihr zusammen die Lenkerbefestigung und Steuersatzeinstellung. Von den vor einigen Jahren eingeführten Fatbikes einmal ganz geschwiegen.

Somit variieren Sattelstützen von 25 bis über 34 mm. So manche früher gängige Abmessung gibt es heute nur noch sehr vereinzelt oder gar nicht mehr. Mit der Entwicklung der Ahead-Steuersätze ist die Matrix der möglichen Varianten schier explodiert, so dass schließlich ein Konsortium einen Standard beschlossen hat, um nicht selbst die Übersicht zu verlieren. Wiewohl nicht alle Hersteller mitmachen, scheint sich die Einsicht langsam durchzusetzen, dass dieser Standard sinnvoll sein könnte.

An anderen Teilen des Velo haben sich die Dinge „so ergeben“. Während es früher ein metrisches Gewinde am Tretlager ebenso gab wie wie ein Zollgewinde, genannt französisch und BSA und dazu noch einige weitere, zum Beispiel ein „italienisches“ mit einem Zollmaß, sind die BSA-Gewinde heute zumeist der faktische Standard, wobei ITA (=italienisch) immer noch verbaut wird, während die metrische Variante nehzu verschwunden ist. Weiterhin gibt es verschieden breite Tretlager, die zwar zumeist einen Zweck erfüllen, der an sich sinnvoll ist, aber in Kombination mit Tretlagerwellen und Innenlagerung die Auswahl der richtigen Komponenten durchaus verkomplizieren können. Damit zusammen hängend: Beim Kugellager gibt es einen klaren Trend zu standardisierten Wälzlagern, umgangssprachlich auch Industrielager genannt. Denn die offen konzipierte Kugellagerung, auch Konuslager genannt, war eben an Kugeln gebunden, die verloren gehen konnten und deren Abmessung man im Ersatzfall sehr genau kennen musste. Natürlich konnten das sowohl Abmessungen nach Zoll oder nach metrischem System sein.

Wieder einmal muss man konstatieren: Ein Standard, eine Norm, haben niemals einen Gültigkeits- oder gar Ewigkeitsanspruch. Man muss es wollen, man muss Mitstreiter finden, durchsetzen und trotzdem immer wieder ändern und anpassen.

Es gibt viel zu tun. Jeden Tag.

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