Reiserad (1)

Eigentlich ist ja schon die Überschrift völlig falsch. Reisen kann man mit jedem Rad. Wirklich mit jedem. Die einzige Frage ist wohin und wie weit.

Früher, als alles anders und so vieles (angeblich) so viel besser war, gab es im Grunde genommen nur eine Form von Reiserad und die sahen (fast) alle ungefähr so aus:

©guylaine.de

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Mit dem Aufkommen des MTB in den 80ern und erst recht in den 90ern verschwand das klassische Reiserad in dieser Form praktisch völlig von der Bildfläche und allenfalls „nostalgische Spinner“ hielten noch dem Konzept die Stange.

Selbst der „Worldtraveller“ –für viele DAS Reiserad überhaupt– von Koga(-Miyata) ist seitdem bis heute ein um MTB-Teile erweitertes Rad, dass zweifelsohne seine Zwecke hervorragend erfüllt, seine MTB-Gene aber auch nicht völlig verleugnen kann und damit ist beileibe nicht nur die Schaltung gemeint. Das hat viele Dinge vorwärts gebracht, angefangen bei besseren Bremsen, seien es jetzt Cantilever oder V-Brakes, Schaltungen mit drei Kettenblättern oder Rahmen mit grösserem Rohrdurchmesser – alles Dinge, die nicht zum Nachteil der Räder und auch nicht zum Nachteil der Nutzer waren und sind.

©koga.com

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Heute profitieren sehr viele Räder von diesen Dingen, insbesondere die Gattung der sog. Trekkingbikes, die trotz 28er Radgrösse sehr robust und langlebig geworden sind. So ein Rad habe ich bereits seit einigen Jahren, ein Gudereit SX-75 und es leistet mir gute Dienste, nicht nur im Alltag, auch bei kleineren Touren fahre ich es immer noch sehr gerne. Zumal die kleineren Umbauten im Laufe der Zeit den Nutzwert noch ein wenig gesteigert haben.

Was also fehlt?

Mir selbst fiel vor allem auf, dass es vielen heutigen Reiserädern an Schnelligkeit, Wendigkeit und Griffvarianten fehlt. Die Ergonomie ist nicht perse schlecht, aber auch nicht richtig gut, vor allem für grosse Leute jenseits von 1,90 Metern. Die in vielen Varianten ergänzten mehr oder weniger geraden Lenkstangen bieten meist nur zwei oder drei Griffpositionen. Ein Rad mit Rennlenker bietet meist vier verschiedene Griffpositionen, davon allein zwei von denen aus man Bremsen und Schalthebel erreichen kann. Da wir heute zwischen 9 und 11 Ritzeln auf einer Kassette am Hinterrad vereinigt sehen und zudem noch auf Getriebe wie Rohloff oder Pinion zurückgreifen können, sollten sich doch solche Wünsche nicht als unerfüllbar erweisen.

Meist ist es aber so, dass wenn man schon wünschen darf, dann aber richtig. Daher sollte das ideale Rad nicht nur mit einem Rennlenker funktionieren, sondern natürlich Schutzbleche haben, breite Reifen aufnehmen können und mit Scheibenbremsen ausgestattet sein. Zusammen mit der nun einmal faktisch vorhandenen Körpergrösse lichtet sich das Feld der möglichen Kandidaten deutlich. Das bin ich allerdings gewohnt und es ist ein Effekt unabhängig vom Budget.

Zu dieser Erkenntnis gesellte sich alsbald die Feststellung, dass die meisten Möglichkeiten doch in einiger Entfernung von der grossen Stadt beheimatet sind und 3-6 Stunden Autofahrt einfache Strecke (!!!) sind schon eine gewaltige Hürde. Ein bisschen näher darf und muss es sein, denn wenn man davon ausgeht, dass der Rahmen im Zweifel massgefertigt sein muss, dann kann es immer mal passieren, dass man zum Erbauer nochmal hin muss und sei es nur um Kleinigkeiten wie Anlötteile festzulegen oder zu klären.

 

Für alle die es hinterher schon immer vorher gewusst haben: Es wurde ein Patria Randonneur mit 26er Rädern. Ein Punkt war eben, dass der nächste Händler mit wirklicher Erfahrung in diesen Dingen nicht weit und sich viel viel Zeit und Mühe gemacht hat. Im Ergebnis wurde es in der Höhe ein eher kleiner Rahmen mit 62 cm, dafür lang und mit recht grossem Steuerrohr, weil ich „Spacertürme“ unter Ahead-Vorbauten ziemlich furchtbar finde. Das Ganze wurde aus Columbus Zona Rohr gefertigt, in der dünneren Variante, wegen der Sattelstütze und weil mit Muffen verlötet wurde. Wie man sieht: Selbst bei „all you can eat“ Maßrahmen kann es vorkommen, dass man Kompromisse machen muss.

©MF, So sieht ein Randonneur-MOdell in RH62 aus, wenn man die Geometrie für einen 2Meter-Mann verändern muss...

©MF, So sieht ein Randonneur-Modell in RH62 aus, wenn man die Geometrie für einen 2Meter-Mann verändern muss…

Bleibt noch die Frage: Was kommt da dran? Weil ich ja gerne in Etappen schreibe, kommt das erst im nächsten Beitrag dran, dafür mit vielviel Details.

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