Keine Fahrradtour, kein Neubau, keine Reparatur, trotzdem wichtig

Hierzulande hat man einen anderen Blick auf die Dinge der Vergangenheit, als man es z.B. in Deutschland hat und besonders gilt das für den „Grossen Krieg“, meist 1. Weltkrieg genannt. Im Gegensatz zu Autoren in Deutschland, die wie die SZ in einem Artikel auf der Seite 3 vom 24. April 2014 das Wort nicht ein einziges Mal erwähnen, ist hier ganz klar, dass der Überfall Deutschlands auf Belgien ein Kriegsverbrechen war. Ganz abgesehen von den Erschiessungen von Zivilisten (allein über 5000 in den ersten drei Wochen!) oder dem mutwilligen Niederbrennen der Universitätsbibliothek von Leuven. Erst nach dem sog. „Race to the coast“ konnte der deutsche Vormarsch bei Nieuwpoort gestoppt werden, indem man bei Flut die Schleusentore zur Ijzer und den Kanälen öffnete und das Hinterland gezielt überflutete.

Die Schleusentore in Nieuwpoort

Die Schleusentore in Nieuwpoort

In Erinnerung an all dies, finden dieses Jahr (und in den folgenden Jahren) viele Gedenkveranstaltungen statt, die an das 100 jährige Jubiläum von 1914 erinnern. Eine Veranstaltung haben wir besucht, die sog. Lichtfront in Nieuwpoort. Mehr als 8000 Freiwillige bilden am 17. Oktober den Frontverlauf dieses Tages im Jahr 1914 mit Fackeln nach. Zusätzlich werden die Namen der Toten, die an diesem 17. Oktober gestorben sind, auf die Denkmäler die nach dem Krieg errichtet wurden, projiziert.

Albertmonument in Nieuwpoort, im Untergeschoss ein neues Museum

Albertmonument in Nieuwpoort, im Untergeschoss ein neues Museum

Fackelträgerin

Fackelträgerin

Da von uns aus gut 130 km bis nach Nieuwpoort zurückzulegen sind, wurde das auch keine Fahrradtour, zumal man ja auch bestimmte Zeitslots erwischen muss. Wir haben einen schönen Abend verbracht und sind noch weiter nach Diskmuide zum Ijzerturm, auch wenn der als Symbol sehr von der flämischen Unabhängigkeitsbewegung vereinnahmt wird. Zufällig war am Ijzertor auch kein Platz mehr für eine belgische Fahne…man denke sich dazu was man will.

Das Ijzertor

Das Ijzertor

Projektion auf dem Turm

Projektion auf dem Turm

Der Ijzerturm hinter dem Tor

Der Ijzerturm hinter dem Tor

Insgesamt werden diese Veranstaltungen sehr entspannt begangen. Wir waren wie andere auch, zuvor noch in einer Bar essen und haben einen Fleischspiess beladen mit perfekt medium gegrillten Steaks plus Ofenkartoffeln und Brot genossen und sind dann los. Auf den Schleusentoren haben Dudelsackspieler eine Melodie gespielt, wie sie 1914 auch gespielt wurde. Man war unterwegs und schlenderte von hier nach dort, um sich den Fackelverlauf anzusehen und den lauen Herbstabend zu geniessen.

Bis heute findet sich in den Böden der Bauern reichlich Munition aus den Jahren 14-18. Regelmässig finden Sprengungen statt und regelmässig verletzen sich die Menschen, die auf den Feldern auf Minen treten, Geschosse überfahren oder umpflügen. Dabei trifft man auch immer noch auf Giftgas in allen Varianten und natürlich mit allen Wirkungen und schwersten Verletzungen. Bis heute weigert sich die Bundesrepublik Deutschland dem Königreich Belgien die chemischen Formeln zur Zusammensetzung des verschossenen Giftgases zu nennen.

Nach 100 Jahren wäre es mehr als nur an der Zeit dafür.

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