Weil einfach einfach einfach ist

Sagt die Werbung. Ich antworte darauf: Wie ich lernte die Bombe zu lieben. Ein Lehrstück.

Man nehme den Gedanken, dass früher die Räder generell besser gebaut wurden, mit mehr Liebe zum Detail und mische das mit der Tatsache, dass es an dem Rad was vor einem steht nicht funktioniert – voila schon haben wir die Ernüchterung der Realität.

Nach der Tour ist vor der Reparatur, so auch beim T600c, älteres Baujahr. Hat der Liebsten immer treue Dienste geleistet und ist noch nicht einmal zu einem Rad geworden, von dem nur noch der Aufkleber Original ist. Federgabel getauscht, Schaltwerk, ein Hinterrad und das Frontlicht von Halogen auf LED umgerüstet, dazu Sattelstütze und Lenker/Vorbau. Das ist nicht viel.

Jetzt aber schaltet es sich zwar noch, aber so schlecht, dass kann man nicht so ganz wegignorieren. Erkenntnis: Kette hinüber, Ritzel unklar, zu verdreckt, Schaltwerk ordentlich mit Schlammsandirgendwaspaste eingedreckt, die Blätter vorne laufen nicht mehr gerade. Alles nicht schlimm, kann man einfach lösen, sogar daheim. Sauber machen und entweder Blätter und/oder Tretlager tauschen und fertig.

Dachte ich. Naivling.

Nicht dass ich grundsätzlich falsch lag. Kette hatte festgesetzte Glieder, also raus, Schaltwerk säubern wirkt wie immer Wunder und der Zahnkranz ist so gerade auf der Kante zum Rausschmiss. Kommt also erst einmal an mein Alltagsrad. Das Tretlager war auch schnell ausgemacht als Schuldiger, denn nach Abzug der Kurbel waren die Blätter plan auf dem Tisch, da eierte nix, wohl aber wenn das Ganze auf der Achse hing.

Damit ging es dann aber auch schon los. Das alte Lager muss raus und siehe da: ein FAG. Ich liebe diese Dinger… Also nicht nur ein neues Token-Lager bestellt, sondern den Abzieher für FAG gleich dazu, kostet zum Glück nicht so viel. Dann, nach dem Ausbau, sah es da drinnen so aus:

 

©MF, Lager raus und nun?

©MF, Lager raus und nun? Zwischen 10 und 12 Uhr ist (noch) das alte Lichtkabel zu sehen.

Was man da nicht so deutlich sehen kann, ist das Lichtkabel, das im Unterrohr eintaucht, um via Tretlager in die Kettenstrebe der Nichtantriebsseite zu tauchen und das hintere Licht zweiadrig zu versorgen. Was man allerdings sehen kann, ist der leichte Gewindeschaden auf der Antriebsseite, der vom ersten Ersatz des Lagers durch eine Fachwerkstatt vor ca. 3 Jahren stammt. In Kombination mit dem Einsetzen eines FAG finde ich das so naja…

©MF, So sieht ein FAG raus, das 3 Jahre lang rangenommen wurde

©MF, So sieht ein FAG raus, das 3 Jahre lang rangenommen wurde

Aber was soll’s, neues Lager rein, ist ja alles Vierkant und einfacheinfacheinfach und Kurbel und Kette drauf und los.

Und dann? Nix mehr. Kein Licht nirgends, was in dieser Jahreszeit eher unpraktisch ist. Kein Licht heisst, irgendwo in der Leitung ist ein Kurzschluss. Damit zurück in die Werkstatt und in kurzer Zeit ist klar: Alles in Ordnung, bis auf das Kabel, das zum Rücklicht führt. Durch den Rahmen! Das beschlich mich ja schon eine böse Ahnung…und richtig, das Kabel läuft nicht durch den Rahmen in einer Fürhrungsröhre, sondern „frei“ durch die Rohre. Herrlich! Zusammen mit dem leichten Flugrost in den Rohren ist das bestimmt toll zu führen. Nämlich gar nicht. Schon gar nicht, wenn man bei der Erstmontage die preiswürdige Idee hatte, das Kabel nicht am Stück, sondern mit Unterbrechung in Form von Flachsteckhülsen zu verlegen. Die zudem nicht verlötet, sondern nur gesteckt sind, sodass nach dem ersten vorsichtigen Ziehen am Altkabel, das gesamte Kabel aus der Rahmen Öffnung flutscht und man dieses nun nicht mehr zum verlegen des neuen Kabels nutzen kann.

Jetzt ist guter Rat teuer. Und Langwierig.

Erst einmal alles wieder raus, das neue Lager, die Kurbeln usw. Durch den Flugrost innen scheiden die üblichen Methoden per Kordel oder Nähfaden aus, zudem krieg ich den Staubsaugerkopf nicht dicht genug durchs Tretlager an die Unterrohröffnung. Schaltseilzug war die nächste Idee. Nachdem 3 Meter im Unterrohr verschwunden sind, ohne dass sie irgendwo in der Nähe des Tretlagers zu entdecken sind, denke ich das erste Mal an den Werkzeugverleih mit der extragrossen Flex. Gehe aber letztlich doch „nur“ zum Baumarkt und hole mir eine kleine Kabelrolle 2,5 qmm Massivdraht. Nach vielen Verrenkungen kriege ich den durch. Zumindest bis zum Tretlager. Und einen zweiten Draht von dort bis zur Öffnung in der Kettenstrebe. Nach mehreren Versuchen, diese beiden Drähte zusammen zu fügen per Hartlötung, gebe ich fast auf. Die Lötstelle versprödet und hält nicht. Also alles in kleinen Schritten. Ich verbinde den Kupferdraht noch einmal mit dem Schaltseil – und kriege es durch. Endlich! Jetzt kann ich auch den 2. Draht mit dem Zugseil verbinden und mit viel Liebe und Fingerverrenkungen kriege ich den auch durch.

Danach kommt das neue Lichtkabel an das Schaltseil und geht auch wirklich durch. Zwischendurch lasse ich noch eine Runde Hohlraumversiegelung springen. Bevor ich nun wieder das Lager einbaue, stülpe ich einen roten Schrumpfschlauch über das Kabel, damit man es bei ausgebautem Tretlager besser erkennen kann. Beim Blick auf das alte Kabel waren zudem interessante Beschädigungen zu entdecken, die ziemlich sicher nicht von den wenig entgrateten Übergangsstellen der Rahmenrohre zum Tretlager hin herrühren können. Geschenkt.

Schlussendlich kann ich den fast runderneuerten Antriebsstrang wieder zusammensetzen. Sieht gut aus.

 

©MF, bei etwa 11 Uhr ist ein kleiner roter Schatten oberhalb der Hülse zu sehen, mehr Platz fürs Kabel ist da nicht, eher weniger...

©MF, bei etwa 10 Uhr ist ein kleiner roter Schatten oberhalb der Hülse zu sehen, mehr Platz fürs Kabel ist da nicht, eher weniger…

 

©MF, Einmal alles sauber und fertig

©MF, Einmal alles sauber und fertig

Wer bisher dachte, früher war alles einfacher und besser, dem sei gesagt, dass man sich auch schwer täuschen kann dabei. Vierkantlager sind immer noch verbreitet und es gibt dafür immer noch hochwertige Lösungen, aber bei allen Leitungen die innen verlegt werden, sollte man höchst misstrauisch sein. Ich freue mich als nächste auf den Lagercheck bei meinem HT-II Lager. Da liegen alle Leitungen aussen, manche finden das ja hässlich.

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