Elend im Pukyversum Teil 3

In den ersten beiden Teilen ging es darum, wie man überhaupt zu einem Kinderfahrrad kommt, wenn man seine Ansprüche gegenüber Kind und Gefährt nicht nach unten schrauben will. Erst recht nicht, wenn man selbst durchaus gute und vielleicht sogar teure Fahrräder sein eigen nennt. Zudem wurden ein paar Aspekte der Kinderergonomie ausgeführt.

Kommen wir nun zu einem konkreten Projekt. Allen Lesern sei vorab gesagt, dass das folgende Projekt vor allem als Anregung und Ermutigung dienen soll. Keinesfalls ist es gedacht als Demonstration des „Schneller, Höher, Weiter“, wenn man nur genügend Geld in die Hand nimmt. Zum Thema Geld für ein Fahrrad möchte ich gerne Stefan Stiener von Velotraum zitieren:

„Kinder kosten Geld. – Größere Wohnung (Haus), größeres Auto, dauernd neue Kla­motten, Reit-, Musik­unter­richt, Sportverein und so weiter und so fort. Und nun auch noch ein Kinderrad für über siebenhundert Euro?

Wie gerne würden wir die zuvor beschriebene Qualität für familienfreundliche vierhundert Euro anbieten. Aber leider besteht ein Kinderrad aus genauso vielen Einzelteilen wie ein Erwachsenenrad, und die Montage geht auch nicht schneller, nur weil die Dinger kleiner sind.“

Das ist die traurige Wahrheit. Wahr ist aber auch, dass für viele Kinder das erste „richtige“ Fahrrad ein wahnsinnig wichtiger Gegenstand ist, an den sich manche ein Leben lang erinnern. Umso mehr, wenn sie etwas zu diesem Rad beigetragen haben. Sie werden jetzt vielleicht denken: „Was kann ein Vierjähriger schon beitragen bei einem Fahrrad?“ – Nun wir waren selbst überrascht, wie interessiert, geduldig und beteiligt ein Kind sein kann, wenn es dafür erleben darf, wie ein Fahrrad aus vielen einzelnen Teilen entsteht.

Angefangen haben wir mit der Frage: Was an dem Rad muss zwingend kinderspezifisch sein? Natürlich der Rahmen, der aber möglichst viele Teile von „erwachsenen“ Rädern aufnehmen können sollte. Dann gibt es die Kontaktstellen, also Lenker (v.a. die Breite), Vorbaulänge, Bremsgriffe, Sattel, Pedalen, Kurbeln, an denen muss man auf die Ergonomie und Grösse des Kindes Rücksicht nehmen.

Und die Schaltung? Die gibt es schon, aber hier gibt es nur zwei Kriterien: Sie sollte nicht zu viel wiegen und sie sollte mit einem Drehgriff zu bedienen sein, denn für die Hebelsysteme sind Kinderfinger schlicht zu kurz und zu wenig kräftig. Der Rest ist egal.

Zurück zu den kinderspezifischen Dingen: Wirklich schwierig zu beschaffen ist eine Kurbel. Zumindest wenn man nicht handwerklich begabt ist oder einen Metallbaubetrieb in der Nähe weiss, der eine Modifikation für kleines Geld realisieren kann. Uns hat damals jemand geholfen eine ursprünglich 175 mm lange Sugino XD-2 auf 140 mm zu kürzen und mit neuen Pedalgewinden zu versehen. Ausgestattet mit einem Gebhardt Kettenblatt und Hosenschutzring und fertig ist eine ziemlich schwierige Etappe.

Die sehnlichst herbeigewünschte, massgenschneiderte Kurbel, Foto©MF

Die sehnlichst herbeigewünschte, massgenschneiderte Kurbel, Foto©MF

Da wir diesen Teil vor Bestellung des Rahmens erledigt haben, war die Bestimmung der korrekten Kettenlinie ganz einfach: Die Kurbeln wurden zu Velotraum gesandt und dort wurde ein Vierkant-Innenlager in richtiger Achslänge eingebaut, sowie ein Steuersatz unserer Wahl, den wir ebenfalls beigelegt hatten, ein CaneCreek Iodine.

Pedalen zu finden ist so lange nicht schwierig, wie man weiss, wie gross die Füsse des Kindes sind und wie gross demnach das Pedal sein muss – also eher klein. Da wir aber keinen Topleistungssport betreiben, reicht auch ein eher einfaches Modell von irgendeinem Hersteller bei dem die Grösse passt, wir griffen nach Taiwan, zu Dorcus.

Ein kindgerechtes Pedal mit kleiner Standfläche für kleine Füsse,  Foto©MF

Ein kindgerechtes Pedal mit kleiner Standfläche für kleine Füsse, Foto©MF

 

Sättel gibt es genügend für Kinder. Mehr als einen Runddraht im Gestell haben wir nicht verlangt und es für kleines Geld bei Velo im Modell Junior gefunden. Bremsgriffe waren ähnlich einfach, es gibt sie bei Point. OK, das ist jetzt nicht gerade der legendäre grosse Name, aber die Hebel sind einstellbar und fallen kleiner aus als Hebel für Erwachsene, mehr kann man für einen einstelligen (!!!) Eurobetrag pro Stück echt nicht verlangen. Wer will bessert die Lagerung nach und poliert die Hebel noch einmal.

Lenker und Vorbau sollten so konzipiert sein, dass sie die Kinder unterstützen und nicht gleich beim ersten Sturz auf Verdacht getauscht werden müssen. Da spricht viel für seriöse Aluminiumlegierungen. Es ist allerdings erstaunlich, wie wenig Lenker letztendlich auf Breiten deutlich unter 500 mm gekürzt werden dürfen. Viele Hersteller geben das nicht frei. Da es gerade im Ausverkauf war, haben wir einen Syntace Superforce Vorbau in 60 mm mit einem Duraflite 7075 kombiniert und den Lenker auf 430 mm gekürzt. Zusätzlich haben wir Endplugs eingesetzt und Kindergriffe mit Endpolstern aus Gummi verwendet, damit das berühmte „Lenker in den Ellenbogen Stanzen“ nicht mit Löchern im Arm und Krankenhaus endet.

Lenker, Schaltgriff, Klingel, Bremsgriffe, Licht und Bremse im Porträt, Foto©MF

Lenker, Schaltgriff, Klingel, Bremsgriffe, Licht und Bremse im Porträt, Foto©MF

Damit waren die wesentlichen Dinge für den Start geklärt. Der sah dann so aus:

 

Auf dem Montageständer: Der Rahmen mit den ersten Anbauteilen, Foto©MF

Auf dem Montageständer: Der Rahmen mit den ersten Anbauteilen, Foto©MF

Das ist der kleine Rahmen, der grosse Rahmen setzt übrigens auf die gleichen Komponenten, wer will kann also „nur“ den Rahmen tauschen und alle Komponenten behalten.

Räder einspeichen ist übrigens eine Arbeit, für die man Ruhe, Erfahrung und brauchbares Werkzeug benötigt. Und für Kids ist es vor allem: Langweilig. Also haben wir hier einen Kompromiss gemacht und die Räder fertig eingespeicht bestellt, ausgestattet mit unseren Wunschnaben, Deore XT vorne wie hinten und mit Nabendynamo. Dazu eine Bereifung die her auf Asphalt ausgerichtet ist und qua Querschnitt auch Komfort ermöglicht, wenn gewünscht, den Marathon Supreme von Schwalbe.

Und was macht ein Kind jetzt nun an so einem Rad? Alles wozu es Lust hat. Lenker kürzen mit einem Rohrschneider. Bis auf die Sache mit dem öl ist es wirklich kinderleicht. Die Sattelstütze kürzen ebenso. Ein Rad einsetzen? Nichts leichter als das! Eine Zahnkranzkassette einbauen ist wie ein Puzzlespiel. Und wer jetzt denkt, eine Kette landet höchstens als schmieriges Schmuckstück am Hals, der irrt sich. Mittels Kettenschloss muss man hierzu noch nicht einmal das Werkzeug bedienen können und wie man die Länge bestimmt ist ebenfalls schnell gelernt. So haben wir uns Wochenende für Wochenende vorgearbeitet und mit jedem Schritt wurde es ein Stück mehr Fahrrad. Beim Gepäckträger haben wir uns für ein eher preiswertes Kindermodell von Racktime entschieden. Schlicht und trägt 20 kg. Mit mehr Ehrgeiz hätte man sicherlich bei den Falträder-Kollegen noch ein leichteres Modell gefunden, das war uns hier nicht so wichtig.

Gepäckträger von Racktime mit praktischem Schutzbügel für das Rücklicht, Foto©MF

Gepäckträger von Racktime mit praktischem Schutzbügel für das Rücklicht, Foto©MF

 

Für alle, die weiter oben fanden, das Thema Schaltung sei etwas lässig abgehakt worden, hier ein paar Details: Es wurde eine SRAM X-9, wegen dem Drehgriff, kombiniert mit einem XT-Spiderritzel und einer FSA-Kette. Macht 1×9 Gänge und funktioniert super. Ein weiterer Grund für die SRAM-Schaltwerke ist, dass es dort noch eine sog. Midcage-Länge gibt, die nicht ganz so dicht an den Boden ranreicht. Zudem haben wir einen Schaltwerkschutz montiert. Normalerweise finde ich so etwas eher überflüssig, aber Kinder müssen erst lernen sich mit Rad in einem Raum zu bewegen, da kann man ein wenig unnötige Verluste vermeiden. Die Belastung auf die Gewinde von Träger und Schutzblech ist zwar da, aber bisher vertretbar.

Schaltwerk mit Anbaudetails, Foto©MF

Schaltwerk mit Anbaudetails, Foto©MF

Licht? Natürlich. Da wir weniger Sport- als Alltagsradler sind, kommt Licht an das Rad und zwar eins bei dem man nicht nachdenken muss. Also ein Nabendynamo plus LED vorne und hinten. Zusätzlich haben wir für den Betrieb mit dem FollowMe noch eine kleine Elite+ Lampe von Petzl an den Gepäckträger montiert, damit der hintere Teil des Gespanns nicht im Dunkeln verschwindet.

Nachdem wir die Griffe gefunden hatten, war die Wahl der Bremse nicht schwer, eine ganz konventionelle V-Brake wurde auf die entsprechenden Sockel montiert. Eine Parkstütze hat so ein Rad natürlich auch, aber nicht klassisch hinterm Tretlager, so dass die Krubel blockieren kann, sondern so wie bei vielen seriösen Erwachsenenrädern auch, am Hinterbau.

So einfach kann man ein Parkstütze hinten anbringen, Foto©MF

So einfach kann man ein Parkstütze hinten anbringen, Foto©MF

Wenn man so also mit der Zeit viele einzelne Schritte gemacht hat, kommt man irgendwann an den Tag, da man sagen kann: Fertig. Wobei, noch nicht, es gab da noch einen Wunsch, besonders wegen der Farbe: Tigerstreifen müssen ans Rad! Wer schon beim lesen graue Haare kriegt, der sei beruhigt, Digitaldruck auf eine sog. „car wrap“-Folie und schon ist das Problem optisch mehr als nur ansprechend gelöst.

Sieht so aus. (Mittlerweile nicht mehr ganz neu, da geliebt und benutzt).

Fertig. Lohnt sich, Foto©MF

Fertig. Lohnt sich, Foto©MF

So weit, so schön. Lohnt sich das denn? Und wird das nicht alle Nase lang geklaut? Und haben wir früher nicht auch auf wesentlich schlechteren Rädern fahren gelernt?

Ja, so etwas lohnt sich insofern, als das wir zum einen gerne dem Kind anbieten möchten, was wir für uns selbst an selbstverständlich betrachten, ein gut konzipiertes Rad. Zum anderen halte ich es für eine grandiose Verschwendung ein Rad für ein Kind zu kaufen, dass an sich schon darauf konzipiert ist, nicht mehr als ein oder zwei Jahre genutzt zu werden und nach weiteren ein oder zwei Jahren weggeschmissen zu werden. Heutige Räder in guter Qualität können recht einfach 10 bis 20 Jahre alt werden und immer noch gut funktionieren. Natürlich läuft das dem allgegenwärtigen Aufruf zum schnellen und sofortigen Konsumieren entgegen. Umgekehrt ist ein tolles Rad, mit dem man die ersten Touren fahren kann und das auch gut passt, ein grosser Motivator. Mit sechs Jahren fährt unser Kind bereits Strecken bis 25 km. Für grosse Strecken darüber hinaus haben wir ein FollowMe, damit sind auch Strecken von mehr als 50 km am Tag kein grosses Problem.

Beide Räder per FollowMe verbunden für grössere Ausfahrten, Foto©MF

Beide Räder per FollowMe verbunden für grössere Ausfahrten, Foto©MF

 

Geklaut wurden und werden Räder immer. Was aber genau geklaut wird, hängt von vielen Zufallsfaktoren ab. Wir haben ein gutes –leider schweres– Schloss gekauft und das Kind schliesst damit selbsttätig sein Rad ab. Das genügt. Es ist ein Kinderrad, das sich nur dann von den anderen abhebt, wenn man genauer hinschaut. Das tun die meisten Diebe nicht.

Am Ende fährt das Kind Rad. So wie wir seinerzeit auch, vor 20, 30, 40 oder 50 Jahren. Die Theorie kann keiner so richtig beweisen, aber ich denke trotzdem, dass ein Kind, das auf einem guten Rad startet, auch später gerne Rad fährt. Mir selbst wurde erst relativ spät klar, wie gross der Unterschied sein kann, mit einem guten Rad unterwegs zu sein und wie sich das auch auf die Langlebigkeit des Gefährts auswirken kann.

Schlussendlich ist Selbstbau natürlich teuer. Da muss man nicht drumherum reden. Das bei allen Rädern so. Das Vergnügen, dass ein Kind sich „sein“ Rad so zusammensetzen kann und eine Vorstellung vom Aufwand bekommt und damit eine völlig andere Wertschätzung eintritt, ist durch nichts zu ersetzen.

Im nächsten Teil kommt das dicke Ende, trotzdem nicht ohne Ausblick.

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