Elend im Pukyversum Teil 2

Im ersten Beitrag haben wir einen kleinen Einblick bekommen, wie schwierig es sein kann, ein Fahrrad zu erwerben, dass nicht gleich als Spielverderber dem Kind und seiner Freude an Bewegung rechts und links im Weg rumsteht. Wer das was dort steht nicht glauben will, muss das nicht tun, wir haben in der Beschreibung des Elends auch nicht jeden Besuch und jedes Detail aufgeführt, es ist irgendwann einfach ermüdend und langweilig immer dasselbe zun tun, zu hören und zu sehen.

Die spannende Frage blieb natürlich auf dem Tisch: Was nun? Insgesamt drei Zufallsfunde brachten mich auf eine Spur, sie sich als die Richtige herausstellen sollte. Zum einen las ich von dem „Skippy„, das Juliane Neuss zusammen mit Jochen Kleinebenne bei Patria konstruiert hat. Das gefiel mir schon einmal nicht schlecht, allerdings fand und finde ich das Gewicht etwas zu hoch für ein Kinderrad, dazu später noch mehr. Dann fand ich die Beschreibung eines Vaters, wie er ein Rad für seine Tochter gebaut hat. So langsam klickte es im Kopf des bikephreak, schliesslich wurde also mal bei Stefan Stiener vorbei geschaut und siehe da: Eine Möglichkeit.

Geht das? Passt das? Funktioniert das? Natürlich sind da immer noch viele Fragezeichen, doch ein Blick ins Untersuchungsheft vom Kind und ein kurzer Plausch mit einer Kinderkrankenschwester oder Kinderarzt bestätigt: Bis zum dritten Lebenjahr wachsen Kinder schneller als Hopfen, danach verflacht die Wachstumskurve, besonders nach dem vierten Jahr, stetig bis sie in der Pubertät wieder ansteigt. Was die Kurve nicht abbildet: Die Kinder wachsen nicht insgesamt gleichmässig, sondern unproportional. Vor allem findet das Wachstum in den Beinen statt, viel weniger beim Oberkörper.

Damit ergibt sich folgendes: Will man ein mitwachsendes Rad für Kind von vier, fünf oder sechs Jahren haben, dann muss dieses v.a. in der Höhe „mitgehen“ können, aber nicht gleichmässig proportional in der Länge. Genau das tun aber die meisten dieser Räder! Da aber an den Rädern oft nur sehr kurze Sattelstützen in bisweilen auffallend sonderbaren Durchmessern verbaut werden, kaufen die meisten Eltern jedes bis jedes zweite Jahr ein Rad, das in vielen Fällen mit zunehmender Grösse zu lang ist für das Kind. Wie war das doch gleich? „So ist der Markt!“ Ja, das kann man so sehen, muss man aber nicht. Nehmen wir doch einfach mal an (so war es bei uns), das Kind lernt mit ungefähr 4 Jahren Rad fahren, mit diesem Rad ist es ein Jahr unterwegs, dann ist es zu klein, dann kauft man eins für den nun Fünfjährigen, das kostet etwa 250 EUR. Zwei Jahre später kauft man wieder eins, wieder für 250 EUR, weil es ja jetzt unübersehbar zu klein geworden ist. Störende „echte Welt“-Effekte, wie Teuerungsraten usw. lassen wir einfach mal weg.

Wäre es nicht sinnvoller (und ressourcenschonender!), ein Rad zu kaufen, das höherwertiger ist und beim fahren mehr Freude macht? Wäre es zudem nicht zumindest erstrebenswert sich an der Entwicklung des Kindes anzulehnen, also entsprechende Geometrien zu konstruieren und auch entsprechende Gewichte des Rades anzustreben? Halten wir uns dabei einmal vor Augen: Ebenso wie es eine Grössenspanne gibt, gibt es auch eine Gewichtsspanne bei Kindern eines Alters. Ein sechs Jahre altes Kind kann zwischen 17 kg und 22 kg wiegen, je nach Grösse. Ohne jetzt einen Hersteller als besonders schlecht anprangern zu wollen, kann man festhalten, dass das Gros (80-90%) der Kinderräder für dieses Alter zwischen 13 kg und 17 kg wiegt. Im Extremfall also 100% des Gewichts des Kindes! Mag sein, dass man das früher™ nicht so eng gesehen hat und die Räder, die der bikephreak selber als Kind gefahren ist, waren bestimmt nicht besser. Die mussten nämlich eins sein: bezahlbar. Die Relation zwischen Körper- und Radgewicht ist bei Erwachsenen aber doch eine andere. Selbst bei sehr leicht gebauten Damen kratzt kaum ein Rad an der 50%-Schwelle und im grossen Querschnitt bleibt das Verhältnis meist nicht schlechter als 1/3 Radgewicht zu 2/3 Körpergewicht.

Das alles könnte man also mit dem „richtigen“ Rad erreichen, wenn man wollte. Es ist doch erstaunlich, wie wenige das im allzeit gegenwärtigen Kapitalismus das wollen! Dabei besagt doch eben die Theorie des „total cost of ownership“ (TCO genannt), dass -gleiche Zielsetzung vorausgesetzt- eine kurzfristig teurere Investition sich langfristig als preiswerter herausstellen kann, wenn über die Zeit des Produktbesitzes und der Nutzung damit effektiver gearbeitet werden kann, bzw. geringere Folgekosten entstehen. Es ist erstaunlich, oder symptomatisch?, dass in diesen Zeiten der gewünschten totalen Berechenbarkeit, dieses Prinzip immer weniger Beachtung findet.

Schliesslich kann ein etwas teureres Rad ja schlussendlich auch haltbarer sein. Gut, dass ist nicht wirklich immer im Sinne aller Hersteller. Aber wenn man schon die Wahl hat als Kunde? Oder ist es vielmehr so, dass die meisten Eltern diese Wahl gar nicht wollen? Schliesslich wusste ich als Kind nie, was so ein Rad kostet, aber wertvoll war es dennoch. Es war mein Fortbewegungsmittel, mit dem ich dahin konnte, wo ich wollte. Ist das vermessen, einem Kind den Wert eines Fahrrads vermitteln zu wollen?

All diese Gedanken gingen ein wenig ungeordnet durch den Kopf, während also das Kind wuchs und irgendwann war das Rad zu klein und zwar unübersehbar. Fahrrad fahren konnte der Kleine nun, aber was jetzt? Wie oben angedeutet, war der Radskeller Dresden der entscheidende Schubs, um das alles mal selbst in die Hand zu nehmen. Wofür hat mit 14 in der Werkstatt gelernt und Wochenenddienste gemacht?

Die Entscheidung fiel auf ein Velotraum K-1, aber nicht fix & fertig, sondern als „nackten“ Rahmen, der nur mit Steuersatz und Tretlager ausgestattet ist. Alles weitere -bis auf den Laufradsatz- soll in Eigenregie beschafft und aufgebaut werden, mit dem kleinen Mann zusammen. Der hat sich als sehr geschickt erwiesen und ist obendrein neugierig. Stefan Stiener von Velotraum war sofort bereit, einen solcherart „vorbereiteten“ Rahmen zu liefern, womit man dann wirklich ans konkrete Werk gehen konnte. Natürlich ist dieses Vorgehen nicht für Jedermann und Jedefrau und mit Blick auf den Geldbeutel nicht für jedeN zu bezahlen. Es soll aber unbedingt eine Ermutigung sein, sich nicht einfach mit dem Elend, das einen im Laden umgibt, abzufinden und gleich zu kapitulieren.

Das Ergebnis, mit Fotos, gibt es dann im dritten Teil.

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