urban legends // Rosa Elefanten

Es gibt ja Dinge, die muss man erst einmal erfahren. In Brüssel mit dem Fahrrad unterwegs zu sein meint das sogar wortwörtlich. Dabei scheint es, dass sich zwei Parteien formieren: Die, die auf jeden Fall mit dem Fahrrad fahren und die die auf gar keinen Fall und unter gar keinen Umständen jemals mit dem Fahrrad fahren.

Nun, das die Wörter „Belgien“ und „Chaos“ meist nicht weit auseinander liegen, mag man sich angesichts der geografischen Begebenheiten mehr als nur ausmalen können. Warum aber gibt es in diesem Fall zwei Parteien (und nicht wie sonst unendlich viele…), die sich partout nicht versöhnen wollen?
Allein an den Fakten kann das auch nicht liegen. Aber vielleicht der Reihe nach, dann könnte es einfacher werden.

Brüssel ist eine Stadt, die zu 80% francophone Einwohner beherbergt, obwohl sie geografisch in Flandern liegt. In Flandern ist Radsport (niederländisch) der Sport Nr. 1, vor allem anderen. Die sehr flämische Institution der sog „Kirmesrennen“ illustriert das sehr schön: Dabei wird von mehr oder minder bekannten (lokalen wie internationalen) Radsportlern ein Rundkurs durchs Dorf oder die Provinz gefahren. Das Publikum begibt sich nicht selten dazu in seine Stammkneipe und sobald die Sportler in Sicht- oder Hörweite sind, rennt man raus, jubelt sich die Stimmbänder aus dem Hals, um sie anschliessend mit reichlich Bier wieder zu reparieren. So hat man einen schönen Tag, guten Sport und reichlich Bier (dazu gerne auch etwas zu essen). Die Voraussetzungen wären also gar nicht mal so schlecht und das Hügelland der Provinz Brabant taugt kaum als Ausrede, die Provinz Limburg ist auch nicht topfeben.
Ein Punkt ist sicher: Das Löcherparadies. Anders als der Link suggerieren mag, ist das kein Problem der Wallonie allein und ist auch nicht mit der Zeit seit 2008 unglaublich viel besser geworden. Zwar wird der Belgier angeblich „mit einem Ziegelstein im Bauch geboren„, aber erstens sagt das Sprichwort nichts von Asphalt und schon gar nichts von Zement. So sieht es aus. Es gibt Strassen, da muss man bisweilen zu schweren Waffen greifen, egal ob als Fahrrad– oder Autofahrer oder Fussgänger. Die Löcher können so tief und unberechenbar sein, dass ein Fahrrad einfach „stehen“ bleibt, der Fahrer dagegen nicht… Das ist zumindest ein Punkt, wenn auch wohl nicht der Entscheidende.

Da der Autor selber Familie hat, sagte er sich trivialwissenschaftlich, dass der Nestbau sicher ein Faktor wäre. Solange man jung und ungebunden ist, kann kein Pflaster zu hart und kein Gabelbruch zu schlimm sein. Und siehe da: Eine nicht repräsentative Umfrage bei den üblichen Verdächtigen im Umfeld der Maternelle besagt: Fahrrad fahren? In Brüssel? Viel zu gefährlich!!!! Volltreffer in die Klischeekiste! Wir haben nach etwa sechs Monaten das Kind in eine Babyschale und diese in einen Anhänger gesetzt. Allein damit schauen einem in der Stadt sehr sehr viele Leute nach. So richtig Blicke bekommt man aber, wenn das Kind im Hänger brüllt (Trotzphase): Es gucken mehr als wenn man nackt auf dem Rad sässe! Dabei ist der kleine allein schon wegen der dicken Alurohre vom Hängergestell so sicher wie in Abrahams Schoss.
Was ist also das Problem in Brüssel?

Sagen wir mal, es ist kein objektives, sondern ein subjektives Problem, so wie der Herbst in dieser Stadt. Der ist nicht objektiv besonders nass oder besonders kalt, wer aber jemals bei Windstärke 7-9 und Dauernieselregen die Avenue Couronne gegen den Wind gefahren ist, fühlt sich nach dieser Tour etwa wie in Sibirien.

Etwa so verhält es sich mit der Wahrnehmung von Gefahren im Stadtverkehr dieser grössten Stadt des Landes, die kleiner als München ist. Die Porschedichte ist bei weitem geringer und der Föhn ist ja zum Glück und mangels Nähe zu den Alpen nicht vorhanden. Ist man ehrlich zu sich selbst, (so wie der Autor), dann fährt man, abseits der erwähnten Löcher, nicht besser und nicht schlechter wie in praktisch jeder gleich grossen deutschen Grossstadt. Freilich, das Angebot an guten Radwegen ist noch überschaubar, wie die Anzahl an warmen sonnigen Tagen, dafür geht man aber dazu über, grundsätzlich Busspuren als Radwege auszuweisen, was den begrenzten Platz wenigstens optimals nutzt.

Wie die Belgier Auto fahren, darüber gibt es ja ellenlange Legenden, die ganze Webserver füllen, jaja. Der Zeitvergleich spricht dagegen eine deutliche Sprache. Nehmen wir eine Strecke von Auderghem zum Place Luxembourg, einem der EU-Hotspots (Parlament). Eine Strecke von einem Wohn- zu einem Arbeitsbezirk, je nach Route etwa 5-6 Kilometer lang.

-Auto: Bis zu 60 min., im Schnitt ca. 30-40 min.

-Bus: Siehe Auto, steht im selben Stau

-Fahrrad: 20 min., bei gut trainierten Fahrern sind auch unter 15 min. drin

Wenn man also wetterbedingte Pausen aussen vor lässt, gibt es kaum rationale Argumente gegen die Nutzung des Fahrrads. Und das Beste, wenn man es dann doch tut: Man kann die schlechte Laune nach der Arbeit wunderbar loswerden. Gegen den Sicherheitswahn, nach der ein Kind unangeschnallt auf der Rückbank eines grossen SUV bevorzugt transportiert werden soll, weil es dort am sichersten sei, kann man vielleicht objektiv nichts tun. Ausser, sich trotzdem aufs Rad zu setzen und schneller zu sein.

 

p.s.: Morgens um 8 kann der Jubelpark tatsächlich einmal so ruhig und so malerisch aussehen…

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